IHH vor Gericht

Heute findet in Leipzig die mündliche Verhandlung über die Klage des Vereins IHH gegen die Verbotsverfügung statt. Darüber hatte ich hier und hier berichtet.

Ich bin, nach den Erfahrungen mit dem Verbot des Al-Aqsa e.V. nicht sonderlich optimistisch. Die damalige Verbotsverfügung wurde aufrecht erhalten, nur weil das Sammeln von Spenden für Palästina den Interessen Deutschlands zuwiederlaufe – weil sich die Israelis darüber ärgerten. Wers nicht glaubt, nach dem Urteil googeln.

Ich weiß nicht, wie es den Projekten der IHH in den Monaten seit dem Verbot ergangen ist. Viele Menschen in den verschiedensten Ländern dürften unter der Beschlagnahme der Mittel und dem Verlust von Hilfe gelitten haben. Und warum? Weil man einen Verein verbieten wollte, der das gleiche Namenskürzel trägt, wie ein Mitorganisator der Flotilla für Gaza – auch darüber habe ich im letzten Sommer gebloggt. Aber die Mavi Marmara ist schon wieder fast unterwegs – darüber später mehr unter den News from Palestine.

Diesen Artikel werde ich heute oder morgen updaten, wenn ich etwas aus Leipzig höre. InshaAllah werden es gute Nachrichten sein.

Update: Soeben über Twitter erfahren, dass das Gericht wohl von der Verbotsverfügung nicht völlig überzeugt ist. Daher gab es den Vorschlag für einen Vergleich, der wohl darauf hinausläuft, dass die IHH drei Jahre keine Hilfe mehr in Palästina leistet.

Die Entscheidung, diesen Vergleich anzunehmen oder nicht, möchte ich nicht treffen müssen. Nun weiß ich nicht, was das Gericht noch so gesagt hat, so dass ich das Risiko für den Fall der Ablehnung des Vorschlags nicht einschätzen kann. Den Vorschlag anzunehmen, hieße, den Makel des Verbots loszuwerden, was für etliche Leute sicher Auswirkungen hätte, und auch die Arbeit an vielen Projekten weiterführen zu können. Gleichzeitig aber würde es bedeuten, dass Israel die Macht hat, zu bestimmen, wer in Deutschland Geld für Palästina sammeln darf.

Mir ist übel.

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Wirtschaftskrieg gegen Gaza

In den Wochen seit dem Überfall auf die Gaza-Flottilla wurde viel darüber erzählt, dass es dort keine humane Kathastrophe gebe, die Läden seien voll, es wurden Bilder gezeigt. UNRWA und andere vertrauenswürdige Quellen zeichnen ein ganz anderes Bild.

Tatsache ist, dass viele Waren über die Tunnel ins Land kommen. Aber: um sie kaufen zu können, braucht man Geld. Das verdient man aber nicht, wenn durch die Blockade die Arbeitsplätze verloren gehen – und die vorhandenen Waren daher für die Menschen unbezahlbar sind, sie dadurch von Hilfslieferungen abhängig werden.

Israel hat bekanntlich die Blockade nicht darauf beschränkt, alle Lieferungen nur auf Waffen zu durchsuchen. Es wird alles behindert, nicht nur, was vielleicht noch als dual-use-Waren gelten könnte, sondern vor allem auch alles, was zur Fortführung wirtschaftlicher Aktivitäten dient, also Rohstoffe für die Firmen. Gleichzeitig werden Exporte unterbunden und Dinge durch die Blockade gelassen, mit deren Billigpreisen dann weitere einheimische Firmen ruiniert werden.

Nicole Johnston hat das eindringlich geschildert.

Free Gilad Shalit? Über Gefangene – und Gefangene

Gestern wurden es vier Jahre, dass der israelische Soldat Gilad Shalit in palästinensischer Gefangenschaft ist. Der einzige solche Gefangene. Angeblich seinetwegen blockiert Israel den Gaza-Streifen – angeblich, denn die wirklichen Gründe sind andere, und nicht nur einer. Bislang schlugen Verhandlungen über einen Austausch fehl – wie es kürzlich hieß, auch wegen eines Vetos der USA.

Und ja, er tut mir leid, seine Eltern tun mir leid. Eigentlich wäre ich dafür, ihn einfach laufen zu lassen. Er ist den Ärger nicht wert. Warum tut es also die Hamas nicht? habe ich mich gefragt. Und eine Antwort habe ich gefunden. Nicht ich, aber die Verantwortlichen müssen Familien ins Gesicht sehen, deren Männer, Frauen oder Kinder seit Jahren in israelischen Gefängnissen sitzen, zum Teil länger als Shalit, zum Teil als Racheakt auf seine Inhaftierung. Familien, die die ihren mit Folterschäden aus diesen israelischen Gefängnissen zurückbekommen. Familien, die erwarten, dass alles Menschenmögliche getan wird, um im Austausch gegen diesen einen Gefangenen so viele wie möglich von dort zu erlösen. Vor allem aber auch Frauen und Kinder.

Das sollte man sich vor Augen halten, wenn man all das Mitleid mit Shalit liest. Er, ein Mann, ein Soldat. Gegenüber Frauen, Kinder, auch Männer, die keineswegs alle wegen Straftaten korrekt verurteilt sind, sondern die man teilweise aus ihren Betten gezerrt, entführt und eingesperrt hat. Und wenn dabei mein Mann, mein Kind wäre – ich hätte kein Verständnis für Krokodilstränen, die für einen gegnerischen Soldaten vergossen werden.

Kritisiert wird, dass das Rote Kreuz keinen Zugang zu Shalit hat. Kann ich auch verstehen. Aber ich verstehe auch den Grund: der Gaza-Streifen ist nicht groß. Es gibt unzählige Möglichkeiten für die Israelis, wenn eine RK-Delegation ihn besuchte, dieser zu folgen und das Wissen über seinen Aufenthaltsort für einen Überfall zu nutzen. Zu gefährlich.

Bei allen israelischen Klagen hierüber wird man sich dort aber nun ein paar mehr Fragen gefallen lassen müssen. Wie gemeldet wurde, hält Israel seit vielen Jahren einen Mann in Isolationshaft, dessen Namen niemand kennt, um den sich folglich niemand kümmern darf. Als ynet dies veröffentlichte, gab es die nächste gag-order, wie bei Anat Kam, wie bei der flotilla…. Aber zu spät, die Meldung war draußen, gestern griff sie der SPON auf, auch der Palestinian Chronicle hat dazu geschrieben.

Also: befreit alle Gefangenen! – dann kein Fragezeichen.

Midnight on the Mavi Marmara – das erste Buch

Es war zwar die Zeit des ersten Gebets und nicht Mitternacht, als die IDF die Flottilla angriff, aber der Titel des ersten Buchs über diese Nacht gefällt mir trotzdem. Leider kann ich es derzeit nicht selbst kaufen, bekannt machen wollte ich diese Neuerscheinung trotzdem:

Mixing together first-hand testimony, documentary record, and illustration, with hard-headed analysis and historical overview, Midnight on the Mavi Marmara reveals why the attack on Gaza Freedom Flotilla may just turn out to be Israel’s Selma, Alabama: the beginning of the end for an apartheid Palestine. Contributors include: Omar Barghouti, Max Blumenthal, Juan Cole, Sara Roy, Norman Finkelstein, Glenn Greenwald, Rashid Khalidi, Alia Malek , Lubna Masarwa and Raja Shehadeh.

About the Author

Moustafa Bayoumi is the author of How Does it Feel to be a Problem? Being Young and Arab in America, which won an American Book Award and an Arab American Book Award. His writing has appeared in The Nation, The London Review of Books, and The Village Voice. He teaches at Brooklyn College, New York.

Sieh hin, Israel: Gazas Kinder leiden unter der Blockade!

In einem Video beschreibt Al-Jazzera Reporterin Nicole Johnson die Folgen der Blockade des Gaza-Streifens für die Kleinsten. Die meisten Eltern – 80% sind von Lebensmittelhilfen abhängig – können sich über die knappe Versorgung durch die UNRWA nicht genug Lebensmittel leisten, um für die Kinder ausreichend qualitätsvolle Nahrung zu haben. Das führt zu Wachstumsverzögerungen und anderen Schäden. Eine stille Art des Völkermords.

Berichte wie die, die dann im Rahmen der israelischen Desinformationskampagne anlässlich der Flotilla zu lesen waren, dass es keine Versorgungsprobleme in Gaza gäbe, klingen angesichts dessen wie purer Hohn – eigentlich unter der Würde einer zivilisierten Nation, sich so zu benehmen. Die Israelis, die das ebenso sehen, aber offensichtlich eine Minderheit sind, können mir nur leid tun.

Vermisst?

Es gibt einen Punkt in den inzwischen fast unzähligen Artikeln, die sich mit dem Angriff der Israelis auf die Free Gaza Flottilla befassen, der anscheinend immer nur ganz am Rande Erwähnung findet – dass es nämlich Vermisste geben soll, Menschen, die weder unter den überführten 9 Toten noch unter den lebend Deportierten sind. Zuerst stieß ich in einem türkischen Zeitungsbericht darauf, wo sich ein IHH-Vertreter darüber äußerte, dass zwischen den Zahlen der Toten, der Verletzten und der Zurückgekommenen Diskrepanzen bestünden.

Ich nahm an, dass sich die Frage geklärt habe, blieb jedoch hellhörig, da es mindestens eine Augenzeugin gab, in deren Bericht ich las, dass Menschen, tot oder auch nur verletzt, über Bord geworfen seien.

Beim Interview Iara Lees in „Democracy now“, das ich vorgestern online sah, nimmt aber auch sie darauf Bezug, dass anscheinend noch Personen vermisst werden. Ebenso ein anderer Artikel online – immer mal ein Wort hier oder da, aber nichts Genaues. Es sollen insgesamt sechs Menschen nicht gefunden worden sein – das würde ungefähr dazu passen, dass von 16 Toten die Rede war, jedoch nur neun in der Türkei beerdigt wurden.

Bei mir hinterlässt das ein sehr ungutes Gefühl, weil ich befürchte, dass hier vertuscht werden soll. Möglicherweise melden sich Angehörige der Vermissten nicht, weil sie fürchten, ihnen zu schaden – aus diesem Grund habe ich bis heute nichts darüber geschrieben. Nachdem das Thema jedoch durch Iara Lee angeschnitten wurde, möchte ich zumindest diese Frage nochmal öffentlich machen – wer wird vermisst? Und warum wird das verschwiegen?

Iara Lee’s Film – ungeschnitten

Wie im vorigen Artikel erwähnt, ist es der amerikanischen Journalistin gelungen, einen Teil ihres Filmmaterials der israelischen Beschlagnahme (höflich ausgedrückt) zu entziehen.

Hier macht sie es öffentlich – bitte weiterverbreiten:

http://tc.indymedia.org/files/flotilla-footage/index.html

The footage is also available for download at: http://tinyurl.com/flotilla-footage/