Kruzifix-Stürmer

Vor kurzem erhitzte ein Urteil des EGMR die Gemüter nicht nur in Italien – von wo der Fall gekommen war. Das Gericht hatte entschieden, dass in den italienischen Schulen keine Kruzifixe mehr hängen dürften.

Ein ähnliches Urteil gab es auch schon für Deutschland.

Und nun heute ein erster Fall aus Österreich.

In etlichen Foren und blogs wettert dann der Volkszorn gegen die Muslime, die offensichtlich den Anblick des Kreuzes nicht ertragen können.

Äh – ehrlich? In allen drei Fällen waren die Kläger keine Muslime.

Es weihnachtet mal wieder

Letztes Jahr um diese Zeit bin ich wegen einer Diskussion darüber, ob muslimische Kinder vom Weihnachtskram ferngehalten werden dürfen/sollen, fast aus einem Forum geflogen. Ich bin nämlich eine ganz böse Fundamentalistin. Um so mehr amüsierte ich mich, als ich gerade bei hagalil stöberte und diesen Artikel fand:

Konkret sieht das dann so aus: Frau Müller, die nette, ältere Dame aus dem Haus gegenüber klingelt Mitte November und steht mit drei Schokolade gefüllten Adventskalendern vor der Tür: „Hier Frau Ambs, die sind für Ihre Kinder. Sie feiern doch kein Advent, aber die armen Kinder brauchen doch sowas! Und schauen Sie doch mal den hübschen Nikolaus auf dem Bild! Der war doch auch Jude wie Sie!“

Ich erkläre ihr, dass der Nikolaus Türke war und nicht Jude und dass das rotbemäntelte Wesen auf dem Adventskalender nicht der Nikolaus, sondern der Weihnachtsmann von CocaCola ist. Leider zieht sie nicht beleidigt ab. Ganz im Gegenteil. Sie ist begeistert. Sie hat nämlich noch zwei Adventskalender gekauft für die Töchter von der Hülia aus dem 3. Stock und ist sich nun sicher, dass sich die Moslemkinder noch mehr freuen werden, wenn sie hören, dass der Nikolaus auch ein Moslem war.

Einen Moment überlege ich, ob ich ihr nun erklären soll, dass ihr Nikolaus zwar Türke, nicht aber Moslem ist, aber da sie so glücklich ist über den türkischen Nikolaus schweige ich und lass ihr die Freude. Schließlich ist bald Weihnachten. Also bedanke ich mich und nehm die drei Kalender mit rein.

Ende November trifft es uns dann erneut. Diesmal steht Frau Krögel-Meifeld vor der Tür. In der Hand einen Adventskalender. „Wir wollten Ihnen diesen Kalender schenken, damit auch bei Ihnen ein bißchen vorweihnachtliche Stimmung einzieht! Ihre Kinder kennen ja diese schöne Tradition sicher gar nicht und da dachten wir, Sie sollen halt auch was davon haben! Man muss bis Weihnachten jeden Tag ein Türchen öffnen. Aber immer nur eins – die Nummern stehen drauf“ Gut, denke ich, bedanke mich höflich und esse den gesamten Kalender leer, bevor die Kinder aus der Schule kommen.

Interessant sind auch die Kommentare – nein, ich war nicht beteiligt. Aber einen fand ich richtig gut:

Mishehu

nett gemeinte FreundlichkeitNur weil es als nett gemeinte Freundlichkeit gemeint war, bedeutet es noch lange nicht, dass sie als solches angenommen werden muss. Aber darauf scheinen Nichtjuden ja geradzu verbissen zu bestehen.

Es kann doch sein, dass es einem (religiösen) Juden aus seinem Glauben heraus verboten ist, diese Nettigkeiten anzunehmen. Nur weil die meisten Nichtjuden alles in sich hineinstopfen und alles mal ausprobieren (müssen), bedeutet es nicht, dass es ihre nichtchristlichen Nachbarn auch tun müssen.

Danke. Wenn ich sowas sage, ist das ganz gräßlich, daher bin ich froh, wenn das von jemand anderem kommt.

Doch eine Lanze für den Papst brechen …

möchte ich an dieser Stelle.

Ich habe in den letzten Tagen interessiert die Diskussion über die neuesten päpstlichen Entscheidungen verfolgt – sprich: die Rücknahme der Exkommunikation der Pius-Bruderschaftsangehörigen und die Ernennung des neuen Weihbischofs von Linz. Nun, ich bin ja bekanntermaßen nicht katholisch, warum interessiert mich das denn? Ich finde die Art der Diskussion bezeichnend für das heute weitverbreitete „Religionsverständnis“ einer offensichtlich breiten Masse (sowohl Kirchenangehörige wie Ausgetretene). Kirche soll sich der Zeit anpassen, den politischen Gegebenheiten folgen, nicht anecken – ja, ich möchte sagen, soll assimiliert sein.

Ich habe eine Weile darüber nachgedacht, was denn der Papst so schreckliches tut. Er hat diesen Bischof Willimson wieder in die Kirche aufgenommen. Hat er damit Stellung genommen zu dessen Holocaustleugnung? Nein, ich denke nicht. Hier ging es um das innerkirchliche Problem, das entstand, als der damalige Bischof Lefébre aus Protest gegen das II. Vatikanische Konzil sozusagen seinen eigenen Verein aufmachte. Dieses Schisma hat der Papst beschlossen, nunmehr zu beenden. Wäre unter den Exkommunizierten ein Mörder gewesen, wäre der auch wieder aufgenommen worden – sprich: es handelt sich um zwei völlig unterschiedliche Sachverhalte. Anders, wenn jemand wegen Holocaustleugnung exkommuniziert worden wäre, und das nun zurückgenommen würde – dem ist aber nicht so. Also hier, sorry, weiß ich nicht recht, was man dem Papst eigentlich vorwirft.

Ganz offensichtlich aber ist auch die grundlegende Entscheidung nicht unumstritten, weil sie – ebenso wie die Ernennung des Linzer Weihbischofs – die Richtung abzeichnen, die dieser Papst der Kirche zu geben wünscht. Die ist vielen zu konservativ, zu altmodisch, nicht dialogfähig genug – was auch immer. Die Kirche könnte ja auf einmal wieder Ansprüche an das Verhalten ihrer Mitglieder stellen, die unbequem wären. Ist das vielleicht aber gerade das Anliegen Ratzingers? Der Kirche abseits vom beliebten „anything goes“ wieder ein Profil zu geben, deutliche Grenzen zu setzen – auf seine Weise zu sagen: hier stehe ich, ich kann nicht anders? Das entsprich so gar nicht dem herrschenden Zeitgeist, wo es höchst inopportun ist, dass eine Autorität festlegt, was geht und was nicht geht – ohne Rücksicht auf gesellschaftliche Strömungen. Nur: ich denke, wenn Kirche überleben will, ist das der einzige Weg. Solange sie sich selbst als ein nettes, unverbindliches Angebot darstellt, ohne klare Konturen, läuft sie Gefahr, durch stetiges Abschmelzen an den Rändern sich selbst aufzulösen.

Soweit meine völlig außenstehende Meinung.