Neueste Mode: „Deutschenfeindlichkeit“

Seit längerem ist diese unsägliche Vokabel ein liebes Kind auf vielen rechten Websites, ganz vorne natürlich bei PI. Arme, unterdrückte Deutsche!

Nun wird das Thema aber mit Begeisterung aufgegriffen – zuletzt auch noch von der Familienministerin, nachdem schon zahlreiche Artikel in der fleißigen deutschen Presse sich darüber ausgelassen haben. Gestern sah ich eine Auflistung – grauslich. Nein, nicht die Tatsache, dass auch Deutsche unfein beschimpft werden – sondern dass man die simpelsten Dinge darüber vergisst.

Nur die taz hat einen Kommentar, der das Thema wieder vom Kopf auf die Füße stellt:

Mit dem Begriff der „Deutschenfeindlichkeit“ wird diese Form der Zugehörigkeitsverweigerung fortgeschrieben – denn er besagt, dass diejenigen, deren Verhalten mit diesem Begriff problematisiert werden soll, keine Deutschen sind und auch nicht sein können.

Die leidige Wir-sie-Logik

Dies ist im Sinne von rechtspopulistischen Gruppierungen, die den Begriff „Deutschenfeindlichkeit“ als Kampfbegriff benutzen, um die „echten“ Deutschen als Opfer ihrer Minderheiten darzustellen, von denen angeblich ein „umgekehrter“ Rassismus gegen Weiße ausgehe. Bei dem Versuch, „Deutschenfeindlichkeit“ mit Rassismus gleichzusetzen, werden die Machtverhältnisse zwischen Mehrheitsbevölkerung und Minorisierten ausgeblendet. Diese sind keineswegs symmetrisch, sondern hierarchisch strukturiert. So können Angehörige des gesellschaftlich hegemonialen Bevölkerungsteils – in Deutschland also „weiße“ Deutsche – zwar individuelle Ausgrenzungserfahrungen machen, sie sind aber keinem strukturellen Rassismus ausgesetzt, der etwa auf dem Arbeits- oder Wohnungsmarkt wirksam ist. Rassismus ist also immer an eine Machtposition gekoppelt. Die Frage von gesellschaftlicher Marginalisierung ist deshalb auch keine, die sich allein an der zahlenmäßigen Größe einer Gruppe festmachen ließe. Es kann durchaus sein, dass Schüler mit „Migrationshintergrund“ in einigen Schulen inzwischen die quantitative Mehrheit darstellen – auf der Seite der Lehrerschaft spiegelt sich diese Verteilung aber keinesfalls wider.

Was soll das also? Als ich gestern schrieb, manches komme nun in der Mitte an, bekam ich einen lesenswerten Kommentar, und ich denke, der trifft gerade hier zu:

J-AP: „Da macht sich nichts auf in die Mitte, sondern es wird eben dieser Mitte schlicht und unverhohlen das Stichwort gegeben, nach dem diese Mitte sich lange Zeit über im Verborgenen sehnte, sich aber nicht so recht traute — nota bene: Das Ressentiment, das auf diese Weise nicht länger im Zaum gehalten wird, wird dieser Mitte nicht von außen, also von den Rändern her, implantiert, sondern es schlummerte da geraume Zeit fast unbeobachtet und braucht also nur mehr evoziert zu werden.

Genau genommen waren Sie nicht nur »höflich«, sondern haben der Mitte die salvatorische Klausel geliefert, die diese nur allzu bereitwillig selbst glaubt. Wenn nämlich erst einmal klar ist, daß die Mitte nur von en Rändern her »infiziert« wurde, dann hat sich eben diese Mitte rein nichts in eigener Sache vorzuwerfen, sondern kann sich mit Verweis darauf, dem Schmierentheater an den Rändern einfach aus Gutgläubigkeit »erlegen« zu sein, für alle Schweinereien exkulpieren, die auf diesem Mist so im Schnitt gedeihen.

http://www.freitag.de/community/blogs/alien59/auf-dem-weg-in-die-mitte

Ja, so sieht es aus. All dies: „man wird doch wohl noch sagen dürfen“ – und der Stammtisch findet sich auf der Regierungsbank.