Deutschland – protestieren, gegen was, für was?

Wohl nicht als einzige habe ich gestern die eigentlich unglaublichen Vorgänge im Stuttgarter Schlossgarten verfolgt. Dank internet ist man ja nicht auf die öffentlich-rechtlichen Medien angewiesen. Während ich so die Meldungen eingehen sah, geriet ich ins Grübeln.

Wohlgemerkt, ich persönlich bin gegen „S21“. Ich habe selbst in Stuttgart gelebt und kenne die Nachteile des derzeitigen Bahnhofs – aber auch die der Neuplanung. Angefangen bei den Fragen der Sicherheit des Untergrundes (man denke an den Einsturz der U-Bahn-Baustelle in Köln) bis hin zum völlig aus dem Rahmen laufenden Finanzvolumen – meiner Meinung nach ist der Plan Hybris, die sich bös strafen könnte. Eine vernünftige, gut geplante Renovierung wäre viel wichtiger gewesen. Oder eine völlige Umplanung – in Kassel ist man auf diese Weise seinen Kopfbahnhof auch losgeworden.

Aber – so wichtig das für Stuttgart ist, so erfreulich, wie ich es finde, dass so viele Menschen aus allen Schichten bereit sind, dafür zu demonstrieren – mir bleibt ein bitterer Beigeschmack.

Erst wenige Tage zuvor wurde der Plan der Regierung ruchbar, trotz des Urteils des Bundesverfassungsgesetz den Hartz-IV-Satz um lediglich 5 Euro zu erhöhen – nebst einigen Grausamkeiten, über die kaum diskutiert wurde. Sah ich da Massendemos? Nein, und ich denke auch nicht, dass sie kommen.

Großveranstaltungen gegen die Beteiligung am Krieg in Afghanistan, wo immer mehr Menschen umkommen, auch durch die Tätigkeit der Bundeswehr?

Es gäbe etliches, was ich wichtiger fände, als diesen Bahnhof – so sehr mir diese Geldverschwendung auch gegen den Strich geht. In den letzten Tage gab es in mehreren europäischen Ländern Generalstreiks – gegen als falsch gesehene Regierungspolitik. In Deutschland? Kaum etwas. Was hat dann dieser Bahnhof, dass er so viele Menschen auf die Straße bringt?

Mich hielt gestern die Demonstration der Polizeigewalt am Bildschirm. Unabhängig vom Zweck der Demonstration schockierte mich der Umgang der Machthaber mit den Menschen – die doch so friedlich sind. Werden sie es bleiben oder in Zukunft auch wegen wichtigeren Dingen Widerstand leisten?

17 Antworten

  1. Ich würde sagen, es läuft, wie es laufen soll.
    Wegen wichtigen Dingen geht schon keiner mehr auf die Straße und die Polizeigewalt sorgt dafür das den Leuten klar wird, das es künftig besser ist auch den Frust über „Nichtiges“ nur zu schlucken. Wer will sich schon wegen einem Bahnhofneubau den Schädel einschlagen lassen?

    Wenn der Volkszorn dann irgendwann mal überkocht sind die notwendigen Vorbereitungen (Gesetze,Komplettüberwachung) soweit vorbereitet das jedes Aufmucken möglichst im Keim erstickt werden kann.

  2. Hallo Alien,

    vielleicht nützt das nichts und die Bürger haben es trotz MSM inzwischen bemerkt.
    Protestschreiben gegen Afghanistan, gegen israelische Piraten, Irak usw. alles umsonst.
    Vielleicht braucht es einen Bahnhof um dem Volk klarzumachen, dass nicht Berlin das Mass aller Dinge ist. Vielleicht braucht es eine friedliche Demonstration und die Reaktion der Regierenden um dieser fadenscheinigen Demokratie das Mäntelchen abzureissen.
    Wie predigte unser alter Pfarrer immer zum Hirtenbrief kurz vor den Wahlen: “ und heb ich an das braune Röckchen……. was seh ich drunter ? Braune Söckchen.“

    Gruß aus Baden.

  3. Ich bin da irgendwie gesamtskeptisch.
    Wenn ich mir ansehe, gegen was in den letzten dreißig Jahren in Deutschland wirklich erbittert gekämpft wurde, stoße ich immer wieder auf Bauprojekte – Startbahn West, Gorleben …. aber eigentlich nie auf soziale Anliegen (was nicht heißen soll, dass ich die Anti-Atomkraft-Bewegung kleinreden will). Und nun dieser Bahnhof ….

  4. Hi
    Ich seh das anders. Klar gibt es, „von außen gesehen“ immer etwas Wichtigeres. Für die Leute in Stuttgart ist aber erstmal das wichtig, was hier und jetzt passiert, und wo sie auch wirklich etwas erreichen können. Und irgendwomit muß man mal anfangen, warum nicht vor der Haustür?
    Und eigentlich geht es auch bei diesen „Bauprojekten“ (damals AKWs, jetzt der Bahnhof), natürlich um Soziales, um gesellschaftlich Wichtiges. Es ging damals darum, was für eine Art von Energieversorgung wir wollen (zentrale Riesenkraftwerke mit begrenzten Brennstoffen aus fernen Ländern oder dezentrale Solaranlagen). Und bei der Bahn: wollen wir überall riesige Autobahnen für die Reichen und für den armen Rest eine schäbige Bahn, die kaum noch irgendwo anhält? Oder lieber eine gute billige Bahn für alle. In der Schweiz wird die Eisenbahn dreimal soviel genutzt wie hier. Die Bahn ist eine „soziale“ (öffentliche“) Einrichtung. Sie darf deshalb auch nicht privatisiert werden. Und daß private Interessen in Wahrheit hinter „S21“ stecken, ist einer der Auslöser der Protestbewegung.

    Ich habe zwei Videos bei mir im Blog, die diese Zusammenhänge ein Wenig erhellen.

    Und ich glaube sogar, daß aus der Bewegung gegen „S21“, wenn wir es richtig anstellen würden, und nicht immer nur demonstrierend im Kreis rumliefen, der Beginn von sowas wie einer sozialen Revolution entstehen kann. Wenn wir alle uns nämlich weigern würden, fürs Bahnfahren zu bezahlen. (Und später dann auch fürs Wohnen, fürs Essen, für den Arzt, …)
    Hab ich auch schon mal kurz vorgestellt die Idee, bisher leider fast ohne Resonanz:

    http://rauskucker.wordpress.com/2010/09/28/ein-vorschlag-wie-man-s21-besiegen-kann/

  5. Noch was: es ist wohl schon lange nicht mehr so Vielen so „schlagartig“ klargeworden, mit was für einem Staat sie es hier zu tun haben.
    Und noch was ganz anderes: ich war zum Gaza-Krieg hier auf einer Demo, da waren wir etwa 200 „Ausländer“ (meist Türken) und vielleicht noch 50 „Deutsche“. War sehr stolz auf meine ausländischen Mitbürger, für meine Landsleute hab ich mich geschämt, daß denen das so egal war.
    Am Dienstag haben wir gegen Hartz4 / Leyen5 demonstriert, da waren leider neben 50 Einheimischen rein gar keine Immis mit dabei. Fand ich schade.
    Und in Stuttgart habe ich (vom Blick ins TV, ich bin ja nicht dort), auch eher nicht den Eindruck, als wenn sich die türkischen Daimler-Arbeiter da massiv beteiligen würden. Find ich auch schade.

  6. Vielleicht kann auch dies hier deinen bitteren Beigeschmack etwas vertreiben?

    http://antjeschrupp.com/2010/10/03/die-macht-von-stuttgart-und-die-suche-nach-der-politik/

  7. Danke für den link – hat sie gut herausgearbeitet, aber so ganz überzeugt es mich noch nicht. Warten wirs ab, ob da mehr nachkommt.

  8. Hi alien,
    da hab´ ich dich endlich wieder gefunden und Du schreibst, anders als ich, fleissig weiter. Danke!
    Ohne Dich ist der Freitag nämlich nicht mehr so dolle, war da in den letzen Tagen mal wieder ´n bissi unterwegs. Bist ja nicht bloß Du, die mir da fehlt, aber Deine Beiträge lese ich halt immer wieder gerne, auch wenn ich oft zu faul zum kommentieren bin.
    Liebe Grüsse, cf

  9. Übrigens:
    „der link ist oben links in der Liste der links“ wäre noch schöner gewesen.

  10. Bei Protesten spielt wohl immer eine Rolle, was die Menschen in ihrer unmittelbaren Umgebung als Ungerechtigkeit empfinden- das gilt , so denke ich global und nicht nur für Deutschland. Zur den hier genannnten, weltweiten Schandtaten, die in der westlichen und globalen Öffentichkeit viel zu weinig Aufmerksamkeit und Wiederspruch erzeugen, möchte ich nur den im westlichen Sudan, Darfur, stattfindenden Völkermord hinzufügen(ca. 300.000 Tote bisher).

  11. carlfatal, schön, dich hier zu lesen.
    Ja, der Freitag – schaun wir mal.

    Conring – am Sudan sind aber keine deutschen Truppen beteiligt. Jedenfalls nicht, dass ich wüsste.

  12. @rausgucker: ich las vorhin in einem Kommentar im Freitag, dass sich an der Demo gegen S21 etliche Migranten beteiligt hätten – so auch ein türkischer Opa mit Enkelin.

    seriousguy47 schrieb am 04.10.2010 um 00:44
    Noch eine Ergänzug, damit da gar nicht erst Missverständnisse entstehen: da ist auch jede Menge „Migrationshintergrund“ dabei. Am Donnerstag, nach der Gewaltorgie, passierte ich einen Mann, der in starkem französischen Akzent über Mappus herfiel. Am Freitag fragte uns eine Gruppe mit türkischem Hintergrund, wo es denn die gelben Aufkleber gebe. Und schon früher war ich hinter einem „türkischen“ Opa gestanden, der mit seinem Enkelchen demonstrierte…..“
    http://www.freitag.de/community/blogs/nilzenburger/s21—vom-anti-protest-gelangweilter-bohmiens#comment-175636
    Anscheinend waren die nur nicht so fotogen ^^

  13. alien, Danke für den Hinweis. Das freut mich sehr. (Irgendjemand sagte mal: „Bitte, liebe Ausländer, laßt uns nicht mit diesen Deutschen allein.“ Und eben auch nicht mit diesem korrupten Politikerpack. Wir brauchen euch.
    Das ist dann auch das, was ich „Integration“ nennen würde: wenn „ihr“ auf „unseren“ Demos mitlauft. Und wir hoffentlich auch auf „euren“.

    (Du darfst mich ruhig mit „k“ schreiben. Ist richtig so.)

  14. Sorry für den Schreibfehler – war wohl noch zu früh.

    Im Ganzen: ich denke, es gehen mehr Ausländer auf „deutsche“ Demos als umgekehrt. Frag mal bei den Gewerkschaften – die sähen ohne ihre Migranten-Mitglieder oft recht alt aus bei Veranstaltungen. Allerdings, in den höheren Etagen sieht man nichts davon, scheint mir.

    Berücksichtigen sollte man aber, dass Ausländer bei politischer Betätigung tatsächlich die Existenz, nämlich die Aufenthaltserlaubnis, riskieren. Schon mal drüber nachgedacht?

    Deutsche auf Migrantendemos? Durchaus. Auf manchen allerdings wohl mehr als auf anderen….

  15. War ja kein Vorwurf. Ganz viele meinen, sie wüßten besser als ich, wie ich heiße.

  16. Mit allem d’accord.

  17. Hi Alien,
    da isser wieder, das Leben holt mich doch ein.
    Gerade hab´ ich den ganzen Mist im Freitag gelesen, ich bin einfach nur entsetzt. So geht „mann“ nicht mit Menschen um, mehr fällt mir da gerade nicht ein. Rahab hat da mehr von mir erfahren, per E-Mail, mag da hier nicht mehr zu sagen, über sie kannst Du auch meine E-Mail-Adresse kriegen.
    MfG, carlfatal

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