Der lange Atem der Gerechtigkeit? – Srebrenica

Hand aufs Herz: wer erinnert sich noch genau, was wann in Srebrenica geschah? Dass am 11.9.2001 in den USA ca. 3000 Menschen bei einem Anschlag umkamen, das weiß wohl jeder – genaues Datum, etc. Man bekommt es ja ständig aufs Butterbrot geschmiert.

In Srebrenica starben im Juli 1995 mehr als doppelt so viele Menschen. Und die, die sie umbrachten, hinmetzelten, waren in Uniform, eine staatliche Armee. Die UN sah zu.

Aus Rache für das WTC wurden bis heute unzählige Menschen durch die US-Army und ihre Verbündeten getötet, gefangen, gefoltert. Ohne von dem Anschlag vorher gewusst, geschweige denn, daran beteiligt gewesen zu sein. Die ersten starben in Afghanistan nur wenige Tage später. Inzwischen wurden ganze Länder mit Krieg überzogen.

Die 7000 Toten von Srebrenica – die wurden nicht gerächt. Ihr Tod blieb bis heute ungesühnt. Heute nun, fast 15 Jahre später, hat das Kriegsverbrecher-Tribunal in Den Haag die damals kommandierenden Offiziere zu Hafstrafen zwischen 5 Jahren und lebenslänglich verurteilt – soweit man die vermutlich Schuldigen denn hatte. Zumindest Mladic ist noch flüchtig, der Prozess gegen Karacic läuft noch.

Ist das nun Gerechtigkeit? Wohl kaum. Es wird die Überlebenden kaum trösten. Die UN, im Übrigen, stellt sich als über dem Recht stehend dar, alle bisherigen Versuche, auch die damaligen UN-Truppen zu verklagen, laufen bislang leer.

Was lernen wir daraus? 3000 Amerikaner sind viel mehr wert als 7000 bosnische Muslime. Ja, ich kann das Protestgeschrei mancher hören – aber genau so sieht es aus.

In den letzten Tagen gab es Vorschläge, UN-Truppen nach Gaza, eventuell auf die Westbank zu schicken. Kann sich jemand vorstellen, was ich davon halte, und was möglicherweise auch die Palästinenser davon halten?

8 Antworten

  1. Rechtliche Schritte gegen die UN-Truppe sind wohl kaum möglich – die waren weder mit geeigneter Ausrüstung (leichte Waffen und Fahrzeuge der Holländer gegen serbische Panzer) noch mit einem geeigneten Mandat ausgestattet. Hier hat die UN klar versagt, wohl aus der Naivität, dass niemand hier die Möglichkeit eines Völkermords auch nur im geringsten erahnt hatte.

  2. 15 Jahre nach dem Massaker von Srebrenica:

    Bosnien-Herzegowina gestern und heute

    Die Stadt Karlsruhe und viele karlsruher Institutionen laden zu dieser Filmreihe
    am 6./8./10.07.2010 ein:

    Di • 6.7.2010 • 19.30 Uhr „Stille Sehnsucht – Warchild“

    Do • 8.7.2010 •19.30 Uhr „Esmas Geheimnis – Grbavica“

    Sa • 10.7.2010 • 18.00 Uhr „Sturm“

    Veranstaltungsort:

    Stadtmedienzentrum
    Karlsruhe am LMZ
    Moltkestraße 64 (im Behördenzentrum)
    76133
    Karlsruhe
    Telefon: 0721 8808-0
    http://www.lmz-bw.de

    Aus dem Flyer:
    Warum begehen wir den Srebrenica-Gedenktag mit
    dieser Filmreihe?
    Als Antwort möchten wir die „Entschließung des Europäischen Parlaments zur Erklärung des 11. Juli zum europäischen
    Gedenktag für die Opfer des Völkermords von Srebrenica am 11.07.1995 – Aktenzeichen B6 0027/2009“ zitieren:

    Das Europäische Parlament
    1.
    ist der Auffassung, dass das Massaker, das 1995 in Srebrenica
    angerichtet wurde, eine für immer offene Wunde in der europäischen
    Geschichte darstellt, die nicht in Vergessenheit geraten darf, damit so
    etwas nie wieder geschieht;

    2. gedenkt der Opfer der Gräueltaten und
    zollt ihnen Respekt; spricht den Angehörigen der Opfer, die oftmals
    keine endgültige Gewissheit über das Schicksal ihrer Väter, Söhne,
    Ehemänner oder Brüder haben, sein Mitgefühl aus und bekundet seine
    Solidarität mit ihnen; erkennt an, dass der anhaltende Schmerz noch
    dadurch vergrößert wird, dass die Urheber dieser Taten bislang nicht vor
    Gericht gestellt wurden;

    3. fordert den Rat und die Kommission auf,
    des Jahrestags des Völkermords von Srebrenica / Potočari in angemessener
    Weise zu gedenken, indem sie die Initiative des Europäischen Parlaments
    unterstützen, den 11. Juli in ganz Europa sowie in allen Ländern des
    Westbalkans zum Tag des Gedenkens an den Völkermord von Srebrenica zu
    erklären.
    In der Begründung zu diesem Antrag heißt es u.a.:

    dass die bosnische Stadt Srebrenica, damals eine isolierte Enklave, die
    durch die Resolution des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen vom 16.
    April 1993 zur Schutzzone erklärt worden war, im Juli 1995 in die Hände
    der serbischen Miliz fiel, die von General Ratko Mladić angeführt wurde
    und dem Befehl des damaligen Präsidenten der Republik Srpska, Radovan
    Karadžić, unterstand,
    … dass am 13., 14., 15., 16., 17. und 18.
    Juli mehr als 8000 Männer niedergemetzelt und an die 25000 Frauen,
    Kinder und alte Menschen zwangsverschleppt wurden,
    … dass die
    bosnisch-serbischen Truppen durch die an der Zivilbevölkerung von
    Srebrenica begangenen Verbrechen – darunter die Verschleppung von
    Tausenden Frauen, Kindern und alten Menschen und Massenvergewaltigungen –
    in vielfacher Hinsicht gegen die Genfer Konvention verstoßen haben, und
    dass sich diese Tragödie, die vom Internationalen Strafgerichtshof für
    das ehemalige Jugoslawien (ICTY)
    als Völkermord bezeichnet wurde, in
    einem von den Vereinten Nationen zur Schutzzone erklärten Gebiet
    abspielte und
    sie somit das Unvermögen der internationalen
    Gemeinschaft symbolisiert, in den Konflikt einzugreifen und die
    Zivilbevölkerung
    zu schützen.

    Veranstalter:
    Bosniakisch-Deutsche
    Gemeinde KA
    Freunde für Fremde e.V. KA
    Kulturamt Stadt Karlsruhe
    LpB BW, Außenstelle Heidelberg
    Stadtmedienzentrum Karlsruhe am
    Landesmedienzentrum Baden-Württemberg

    Mitveranstalter/Unterstützer:
    Amnesty International KA
    Christlich-Islamische Gesellschaft KA
    Dachverband der muslimischen Vereine KA
    Europa-Union KA
    Evangelische Kirche in KA
    Forum für gesellschaftlichen Frieden KA
    Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. KA
    Gesellschaft für bedrohte Völker KA
    IBZ
    Internationales Begegnungs-Zentrum KA
    Menschenrechtszentrum KA
    Roncalli-Forum KA

  3. Ich lese von Rache für Tote und Sühne. Macht der Tod von 7000 Serben oder sonstigen Christen das Leid ungeschehen?
    Was in Srebrenica geschah, war eine große Sauerei. Daß die UN Truppen nicht in der Lage waren, das zu verhindern, ist mit Grund dafür daß heute ähnliche Aufträge mit „robustem Mandat“ vergeben werden. Die Soldaten etwa in Afghanistan dürfen zurückschießen. Insofern könnte man nun wirklich die UNO mandatierten Truppen verantwortlich machen.
    Bei der Frage nach der Konsequenz weiß ich auch nicht ganz, wohin Du argumentierst:
    Sollen nun entsprechend viele Christen sterben, wie Muslime durch die Reaktionen auf den Anschlag auf New York und Washington starben? Sollen nun auch christliche Länder mit Krieg überzogen werden, weil in Srebrenica Christen Muslime hinschlachteten?
    Du kritisierst mit Recht, was in Afghanistan und andernorts geschieht an Machtmißbrauch.
    Ist Rache der Amis schlecht, Rache der Bosnier gut?

    Es ist wichtig, Srebrenica nicht zu vergessen. Es ist wichtig, die Schuldigen zu finden (Serbien wurde durchaus mit Krieg überzogen, damals 1999). Aber ich bekomme Zweifel, wenn verschiedene Meßlatten angelegt werden, je nachdem, ob nun bosnische Muslime oder New Yorker aller möglichen Religionen das Leben verloren.

    Gottes Segen!

  4. Ja, ich glaube gerade diese zwei Messlatten sind das große Probölem.
    Wir entscheiden wer gut und wer böse ist
    Wir entscheiden wer welches Land regieren darf und wer nicht
    Wir entscheiden wer als Terrorist zu verstehen ist und wer nicht.
    Wir entscheiden für welche Opfer Dedenktage abgehalten werden und welche Opfer wir unter den Teppich fallen lassen.

    Wenn es darum geht Opfer „christlicher“ Schlachten zu ignorieren sind wir große Klasse. Wird irgendwann mal der Völkermord in Ostafrika erwähnt? Srebrenica ist nur ein weiteres Beispiel für Morde die unter den Begriff Koleteralschaden fallen.
    Aber wehe ein türkischer Jugendlicher verprügelt einen alten Mann. Dann kommen die Besserdeutschen, behaupten er sei Muslim und der Islam schuld und alle Muslime gefährlich.

    Wenn hier Gerechtigkeit verlangt wird, dann hat das nichts damit zu tun, das jetzt Christen sterben sollen, sondern viel mehr damit das es nicht angeht das ein Teil (unschuldiger) Leute aus Rache abgeschlachtet wird, der andere Teil sich aber nicht mal einem Verfahren unterziehen und ihr Handeln einfach entschuldigen darf.
    Und es geht auch darum, ads nicht ein Teil der Opfer Jedes Jahr gedacht wird, Denkmäler errichtet wird und den anderen Teil der Opfer vergessen wir einfach.

  5. Weder Mladic noch Bin Laden unterziehen sich einem Verfahren. Weder die Opfer der Kriege in Irak und Afghanistan noch die Opfer der Bombenleger in Europa und andernorts (vor allem auch wieder Afghanistan und Irak!) hatten irgend eine Schuld an dem, was passiert ist.

    Ich hatte früher die Opfer in Srebrenica nie unter dem Label „Muslime“ angesehen. Es waren für mich Opfer in einem schrecklichen Bürgerkrieg, in dem verschiedene Nationalitäten mit verschiedenen Religionen gegeneinander kämpften. Ich glaube die Religion spielte dabei weniger die Rolle, sie kam nur eben als Unterscheidung dazu.
    Auch in Nordirland ging es nicht um Religion, trotzdem wird es immer wieder als Konflikt zwischen Protestanten und Katholiken dargestellt. Eigentlich ist die Linie Engländer gegen Iren, sie haben nur zufällig verschiedene Religionen.

    Solche Konflikte unter dem Vorzeichen der Religionszugehörigkeit neu zu deuten, finde ich falsch, und zwar egal, ob das in den Mainstreammedien oder auf Internetblogs geschieht.
    Nicht alle Muslime sind Terroristen und nicht alle Christen unterstützen die USA im „Krieg gegen den Terror“. Es dürften auf beiden Seiten verschwindend geringe Anteile sein.

    Die Frage ist doch: Was wäre Gerechtigkeit? Madic vor Gericht zu stellen? Bin Laden vor Gericht zu stellen? Klar!. Nach beiden wird gesucht, und beide sind bisher nicht zu finden, weil sie scheinbar von Sympathisanten versteckt werden. Der eine in den Bergen Zentralasiens, er andere irgendwo in Ex-Jugoslawien…

  6. Sehe schon, dass du es nicht verstehst. Es macht viele Muslime einfach wütend, wenn sie sehen, dass auf der Suche nach Bin Laden zigtausende andere Muslime umgebracht und ganze Länder verwüstet und besetzt werden – während nach Mladic mal höflich gefahndet wird, nicht zu sehr, man könnte ihn ja versehentlich erwischen.
    Es macht wütend, dass einem 9/11 permanent unter die Nase gerieben wird und als Begründung für ständige Verdächtigungen, Benachteiligungen, Verfolgungen von Muslimen dient – aber Srebrenica kaum mal auch nur ein Wort wert ist.

  7. Schonmal mit nem Serben gesprochen, wie die in den 90ern von der Öffentlichkeit gesehen wurden?

    Und was meinst Du, wie wütend macht es mich, wenn ich als Christ immer wieder Bush und die sog. Anti Terror Gesetze unter die Nase gerieben kriege? Ich lehne sie ab, ich lehne die Diskriminierung der Muslime ab. Aber scheinbar wollen alle das Spiel Christentum gegen Islam spielen. Das ist doch dumm!

    Ja, Muslime werden hierzuland diskriminiert. Nicht alle, nicht immer, häufiger als Christen.

    Wie ich anfangs schrieb. Was mich ärgert ist das Wort Rache. Was mich ärgert ist das Wort Sühne. Du schreibst die Toten von Srebrenica wurden nicht gerächt, ihr Tod nicht gesühnt. Ich verabscheue es, wenn Rache als Sühne bezeichnet wird. Rache ist Gewalt, und sie führt nur zu mehr Gewalt. Vielleicht bin ich hier zu christlich, aber das läßt sich nun mal nicht ändern.
    Mladic muß gefasst und bestraft werden, keine Frage. Karacic steht vor Gericht. Milosevic ist schon tot. Es ist nicht so, daß nichts passiert. Passiert Dir zu wenig? Soll der Gerichtsprozess beschleunigt werden? Sollen die Strafen höher ausfallen? Wünschst Du Dir Todesstrafen für die Mörder?

    Ich werd nicht schlau aus Deinen Äußerungen. Ich lese nur das Wort Rache, und das läßt nichts Gutes ahnen. Wohin das Prinzip Rache führt, sehen wir im Heiligen Land.

  8. Du willst es nicht verstehen, ich sehe schon.
    Vielleicht mal hier lesen:
    http://principiis-obsta.blogspot.com/2010/06/sind-die-leben-anderer-gleich-viel-wert.html

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