Tatsächliche Ehezeit: 1 Woche

Vor einiger Zeit habe ich hier bereits einmal einen unfreundlichen Beitrag über die Behördensperenzchen beim Ehegattennachzug geschrieben.

Gestern kam mir dann das Ende eines Falles unter die Augen, der mir bös auf dem Herzen liegt:

Sie: Deutsche, Er: nicht.

Heirat: Mai 2009.

Behördengezerre, unvollständige Auskünfte, die das Nachzugsverfahren behindern, Beratungspflicht der Behörden – Fehlanzeige.  Für Laien Fallen, in die man leicht hineintappt (falsche Reihenfolge von Anträgen, z.B.).

Einreise: nach viel Druck und Hilfe vom Auswärtigen Amt wegen besonderer Umstände Anfang Mai 2010.

Ein Jahr Wartezeit – wäre nicht so schlimm. Nur, die besonderen Umstände bestanden in einer Krebserkrankung, der die Ehefrau eine Woche nach Ankunft ihres Mannes erlag, nachdem sie die letzten Wochen ihres Lebens alleine, krank, sich mit Behördenprosa rumärgern musste, um ihren Liebsten nochmal zu sehen.

Natürlich, kein Standardfall. Aber eine Erinnerung daran, wie kurz das Leben sein kann und wie verantwortungslos es ist, wenn Ämter anderer Menschen Lebenszeit vergeuden.

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Eine Flotte für Gaza

Sie ist unterwegs, die Flotte für Gaza. Neun, eventuell zehn Schiffe, beladen mit mehr als 10.000 Tonnen Hilfsgütern und Notwendigkeiten wie Zement, die über das Mittelmeer die Küste Gazas ansteuern.

Die Fracht wurde aus Spenden bezahlt, begleitet werden die Schiffe von einer Vielzahl Helfern, Politikern, aber auch Prominenten. Unter den Politikern befinden sich auch zwei Abgeordnete der deutschen LINKEN, Annette Grothe und Inge Höger, unter den Prominenten der schwedische Schriftsteller Henning Mankell.

Ziel ist es, auf diesem Weg dringend benötigte Waren in den durch die Blockade Israels und Ägyptens abgeschnittenen Gazastreifen zu bringen – vor allem solche, die aus welchen Gründen auch immer nicht über die Grenze gelassen werden. Dazu gehört vor allem auch Baumaterial, dessen Fehlen verhindert, dass die Schäden aus dem Krieg im Winter 2008/2009 repariert werden könnten. Bisherige Reparaturarbeiten konnten nur soweit geleistet werden, wie Material durch die Tunnel geschmuggelt wurde – und die westlichen Hilfsorganisationen weigern sich, dies zu verwenden. So waren bislang  Organisationen wie Islamic Relief, Qatar Red Crescent, Qatar Charity, Human Appeal International, Al Rahma Charity Association, Mercy Malaysia und Muslim Hands erfolgreicher bei Wiederaufbaumaßnahmen, da sie sich nicht selbst durch die Ablehnung vorhandener Materialien behindern.

Meinen letzten Informationen nach soll die kleine Flotte etwa am 27. Mai in den Gewässern Gazas eintreffen. Israel beabsichtigt offensichtlich, dies zu verhindern, warnt ausländische Regierungen, ihren Staatsbürgern und Politikern die Teilnahme zu erlauben, und übergeht dabei völlig die Tatsache, dass hier Gaza über internationale Gewässer angesteuert wird, wo ein Aufhalten der Schiffe oder – wie 2009 geschehen – Aufbringen ein Akt von Piraterie, entgegen jedem internationalen Recht wäre. Der Direktor für europäische Angelegenheiten im israelischen Außenministerium Naor Gilon sagte, Israel werde alle europäischen Bürger stoppen, die versuchen sollten, die Küste Gazas zu erreichen. Eine solche Mission sei provokant und verletze israelische Gesetze. Ich frage mich, welche dort auf hoher See gelten sollen, die hier betroffen sein könnten.

Ich verfolge die Reise über Twitter von FreeGaza – hoffend und betend, dass sie gut ankommen werden.

Volkszählung revisited

Vor mehr als einem Jahr schrieb ich in diesem blog einen Artikel zur geplanten Volkszählung 2011 und der fraglichen Erhebung der Religionszugehörigkeit. Der ist heute noch so aktuell wie zu der Zeit.

2011 rückt näher – und tatsächlich scheint diese umfangreiche Datenerhebung kein Thema zu sein. Auf der sigint-Konferenz in Köln wird darüber diskutiert, ein kurzer Bericht kam bei mir über Twitter von Opalkatze an – vielen Dank!

Ich werde weiter beobachten, ob sich da doch noch etwas tut. Mein Misstrauen ist keineswegs kleiner geworden.

Noch ein Verbot? Beten in der Schule

Bereits vor mehr als zwei Jahren begann das Problem eines zu werden. Nämlich, als eine Berliner Schulleitung meinte, es könne ja nicht angehen, dass ein muslimischer Schüler, oder auch mehrere, sich ein Eckchen suchen und ihr Mittagsgebet verrichten. Das könnte ja andere Muslime zum Mitmachen anregen! Welch grausamer Gedanke! Schnell verbieten!

Nur hatte man nicht damit gerechnet, hier nicht auf ängstliche Einwanderereltern zu treffen, sondern auf deutsche Muslime. Der Schüler klagte. In der Folge beschloss ein Gericht, dass er selbstverständlich seinen religiösen Pflichten nachkommen dürfe – und wenn die Schulleitung den Anblick nicht ertragen könne, solle sie ihm einen Raum zuweisen.

Daraus wurde in vielen Teilen der Presse die Behauptung, es sei ein solcher Raum beansprucht worden, darum gehe die Klage. Tut sie aber nicht. Sie geht um das Verbot des Betens. Und so hoffe ich, dass auch in der nächsten Woche das Oberverwaltungsgericht im Sinne der Muslime urteilt.

Komischerweise sind solche Dinge nie ein Problem – bis irgendein dümmlicher Mensch daherkommt und mit Verboten rumwedelt. Aus anderen Bundesländern war zu lesen, solche Fragen würden schulintern geklärt – eben, wenn die Schulleitung meint, der Flur sei der falsche Platz, hat sie doch die Möglichkeit, einen anderen vorzuschlagen. Aber es gibt halt immer solche Sturköpfe, deren Verständnis des GG dann dazu führt, dass geklagt werden muss. Nur sind es dann in der öffentlichen Meinung ganz schnell „die Muslime, die wieder Ansprüche stellen“.

Ich schrieb kürzlich, den Muslimen wäre mehr als mit der unsinnigen Islamkonferenz damit gedient, dass sich einfach mal alle an die bestehenden Gesetze und das GG halten. Damit wäre es auch hier nicht zum Rechtsstreit gekommen.

Dialog? oder besser doch nicht?

„Dialog-Veranstaltungen? Wenn ich es vermeiden kann, halte ich mich da raus, ich möchte meine Zeit sinnvoller nutzen.“ – Dieses Statement meines sehr geschätzten Lehrers schockierte mich seinerzeit. Hatte ich doch gerade erst meine aktive Mitarbeit an solchen Veranstaltungen begonnen und fand sie sehr sinnvoll, notwendig, bereichernd …

Als muslimische Frau, mit einiger Kenntnis auch des deutschen/christlichen Gegenübers, noch dazu ohne reisehindernden familiären Anhang, wurde ich bald gebeten, mal hier, mal da die muslimische Seite darzustellen. Angefangen bei Tagen der Offenen Moschee über Katholische Landfrauentreffen bis hin zu gut besetzten Runden auf höherer Ebene. Es war interessant, man lernte viele Leute kennen, konnte seine Meinung sagen. Was hatte mein Lehrer nur dagegen? Er hätte das oft sehr viel besser gekonnt, ich bedauerte, ihn nicht auf solchen Bühnen zu sehen.

Es dauerte ein paar Jahre, bis ich ihn zu verstehen begann. Mit der Zeit kamen mir diese Veranstaltungen vor wie ein Hamsterrad. Von den Einladenden – dem Publikum – den Diskussionspartnern kamen wieder und wieder die gleichen Fragen, Anwürfe, Forderungen. Egal, wie oft eine Antwort wiederholt wurde, es war nie genug. Es war auch egal, ob da Unmögliches oder Diskriminierendes verlangt wurde. Nur selten bemerkte jemand, welche Verhaltensmuster sich da einspielten.

So passierte es, als ich an einer Tagung über Erwachsenenbildung teilnahm, dass in dem Workshop, in dem es um die Vorbereitung von Seminaren über den Islam gehen sollte, mich plötzlich unversehens als einzige Muslima im Raum auf der Anklagebank fand: ob ich meine, dass der Islam mit dem Grundgesetz vereinbar sei, ob ich nicht denke, dass das, was ich trage (es war ein Hosenanzug!) eine Art Uniform sei – kurz, die ganze Palette. Ich begann, möglichst geduldig die Fragen – immerhin höflich formulierte – zu beantworten. Das ging eine ganze Weile, mit immer penetranter werdenden Rückfragen, bis plötzlich der Diskussionsleiter aufwachte:

„Was machen wir hier eigentlich? Das ist doch völlig abseits vom Thema, und wie benehmen wir uns eigentlich Frau … gegenüber, die so nett war, hier teilzunehmen um uns bei der Themenfindung für die Seminare zu helfen?“ – Betretenes Schweigen. Die Teilnehmer waren alle wirklich nette Leute, hochgebildet, und stellten an sich selbst jetzt Verhaltensweisen fest, die sie anderswo sicher heftig kritisiert hätten. Der Workshop endete in bestem Einvernehmen mit hoffentlich brauchbaren Ergebnissen, abends entschuldigten sich einige bei mir noch separat.

Änderte aber nichts daran, dass es fast nichts für mich essbares gab. Nur am Rande. Das war aber sehr oft der Fall – daran dachten ganz viele Veranstalter nicht.

Dieser Vorfall war bezeichnend – und ausnahmsweise auch mal für die Agierenden ein Lernzuwachs. Zu oft stieß ich aber auf Beratungsresistenz im weiteren Sinne, auf Herablassung der einen oder anderen Art – und immer wieder: same procedure as last year.

Dabei war ich ja längst nicht die Einzige – viele Vertreter von Moscheen und Verbänden, meist die bestgebildeten, verbrachten Tage und Stunden mit diesen Bemühungen. Ein irrsinniger Aufwand an Personal, Zeit, oft auch Geld, das den muslimischen Vereinigungen dann bei der internen Arbeit meiner Ansicht nach bitter fehlte.

Was kam dabei heraus? Oft, dass Dinge, in bester Absicht gesagt, gegen uns verwendet wurden. Offenheit führte zu weiteren Verdächtigungen und Beschuldigungen, aber nicht zu weiterführendem Verstehen.

Vor allem: war das denn ein Dialog? Je länger ich mitmachte und zusah, desto mehr erschienen mir dies immer weitere Gelegenheiten, diese Muslime dazu zu bringen, sich, schlimmer noch, ihren Islam, zu rechtfertigen, zu ändern, zu entstellen. Nur die wenigsten hatten den Mut, ihren Kopf hoch zu tragen: hier stehe ich, ich kann/darf/will nicht anders, weil ich nur Allah fürchte.

Um nicht die Menschen in meinem Umfeld, die dies anders sahen und wohl noch sehen (müssen) zu blamieren, verabschiedete ich mich schweigend aus diesem Zirkus. Aber ich schweige nicht vollends. Ich schreibe – das, was ich denke. Ich lasse mich nicht mehr vorführen, verkaufen, …

Über dieses Thema habe ich schon länger nachgedacht. Dieser Artikel entstand jedoch, nachdem die taz einen Bericht von einer „Dialog“-Veranstaltung des Kirchentags brachte:

http://www.taz.de/1/leben/schwerpunkt-kirchentag/artikel/1/pflicht-zur-solidaritaet/

Nakba Day

Nakba bezeichnet die Flucht und Vertreibung von ca. 700.000 Menschen aus den Gebieten, die heute Israel als Staatsgebiet betrachtet.

Der 15.Mai ist der Gedenktag an den Beginn dieser Vertreibungen und Verluste vor 62 Jahren. Im Gegensatz zum israelischen Feiertag am 14. Mai wird er in der Weltpresse sehr wenig erwähnt, in Israel ist er sowie das Wort Nakba verboten.

Dem Verbot widersetzt sich Bronstein mit seiner eindrucksvollen Rede in diesem Jahr ganz offensichtlich.

Dubai Jazz sammelt einige eindrucksvolle Zitate, die beiden ersten lauten:

„The cleansing of Palestine remained the prime objective of Plan Dalet.“
David Ben Gurion (the ‚Founding Father‘ of Israel)

(Plan Dalet was a premeditated plan designed in part to ethnically cleanse Palestine during the establishment of the state of Israel)

„Only a state with at least 80% Jews is a viable and stable state“
David Ben Gurion

Die Palästinenser weltweit – es sollen ca. 10 Millionen sein – warten. Auf Heimkehr. Nächstes Jahr in Gaza, inshaAllah?

Schuldvorwurf: Araber

Heute las ich in der Haaretz einen Artikel von Gideon Levy, den ich jedem ans Herz legen möchte, im Ganzen zu lesen. Ein paar Ausschnitte setze ich hier als Zitat ein:

The truth is, more than anything, we would like them to disappear, though not their hummus restaurants. A second choice would be to have them all crowd into their cities and villages – not to say their ghettos. There they’ll soon be standing on top of each other, some unemployed through no fault of their own, outcast and discriminated against. They’ll raise the Israeli flag, preferably two, and sing about the Jewish soul yearning from the national anthem – anything less would be considered a transgression.

Let them take Foreign Minister Avigdor Lieberman’s loyalty test. Let them obey the Citizenship Law and not marry members of their people from the occupied territories. Let them obey the so-called Nakba Law and not dare mention the events of 1948, even in a whisper, ever. Let them not dare buy an apartment in Upper Nazareth or Carmiel, which were built on their lands, and let them not try to rent an apartment in Tel Aviv. Let them not even think of enjoying themselves at our clubs, though there’s no chance the security guards would let them in. Let them adopt an Israeli accent, preferably Ashkenazi, so security guards at Ben-Gurion International Airport won’t stop them. Let them continue to arrive at the airport, and without complaining please, four hours before their flight because they are Arabs.

Let their poets continue to need the Supreme Court to accept Arab literary prizes. Let them have fewer children because they are „multiplying too much“ and turning into a „demographic problem.“ Let them not speak too loudly around Jews because we don’t like hearing Arabic. And of course, let them not dare meet with „foreign agents,“ almost all of whom are citizens of neighboring countries.

If indeed the „minorities“ or „Arab Israelis“ – we also forced these titles on them, why should we call them Palestinians? – meet all these impossible conditions, maybe we will accept them somehow. Then we will continue to gobble up pita and hummus, coffee and baklava on the house, and let them build our homes – on condition that they don’t listen to Arabic radio while working.

Ich las diesen bissigen Text mit doppelter Betroffenheit. Die Situation der Palästinenser in Israel ist schlecht und wird deutlich schlechter, aber im Geiste schrieb ich diese Zeilen um:

In Wahrheit wäre es uns am Liebsten, wenn sie alle verschwinden würden, aber nicht ihre Dönergeschäfte. Oder, sollen sie doch in ihren Stadtvierteln zusammengepresst leben, an Feiertagen die deutsche Fahne hissen und das Deutschlandlied singen – alles andere wäre eine Straftat. Sollen sie dort aus Ausgestoßene leben, arbeitslos, diskriminiert.

Lass sie Tests machen zur Erlangung der Aufenthaltserlaubnis, der Einbürgerung, des Familiennachzugs. Auch eingebürgert wird bei ihnen der Zuzug des Ehegatten anders geprüft, ihre Pässe ständig kontrolliert, heißen sie im Volksmund „Passdeutsche“. Es wird nicht reichen, dass sie sich an alle Gesetze halten, sie müssen auch ständig nachweisen, dass sie sich der deutschen „Leitkultur“ unterwerfen – auch wenn niemand so genau weiß, was das sein soll. Aber all das, beste Sprachkenntnisse und Studienabschlüsse bedeuten natürlich nicht, dass so jemand dann Anspruch darauf hätte, nicht ständig unter Generalverdacht gestellt oder schikanös kontrolliert zu werden, oder gar ein öffentliches Amt bekleiden zu dürfen, ohne mit Hass überzogen zu werden.

Ich könnte weiter schreiben, aber ich denke, das reicht.