OVG meint, das Beten verbieten zu dürfen

Wie ich vor ein paar Tagen schrieb, ist ja das Verbot einer Berliner Schulleitung, in der Schule bei Bedarf das Mittagsgebet zu verrichten, vor Gericht gegangen.

Heute nun war die Verhandlung vor dem OVG, weil die Berliner mit dem Urteil des VG nicht zufrieden gewesen waren. Mir liegt bisher nur das Ergebnis vor, nicht die Begründung – auf die ich recht gespannt bin, denn soweit ich sehen konnte, hatte das VG alles richtig gemacht. Aber das OVG hat sich wohl dem nicht geringen öffentlichen Druck gebeugt und gegen den Schüler und die Muslime entschieden.

Interessant ist, dass längst nicht alle bislang online zu findenden Artikel erwähnen, dass das OVG die Revision zugelassen hat – weil es sich mit Sicherheit hier um eine Rechtsfrage von allgemeiner Bedeutung handelt. Das ist keineswegs der Regelfall – sehr oft wird die Revision, seit es diese Möglichkeit gibt, nicht mehr im Urteil zugelassen. Also ist sich das OVG wohl doch nicht so ganz sicher….

Jetzt muss ich tatsächlich hoffen, dass die Familie noch die Energie hat, diesen Weg weiter zu gehen.

Wie ich vermutet hatte, gab es Gründe dafür, dass der Junge den inzwischen bereit gestellten Raum nicht so oft nutzte: er fand ihn oft verschlossen vor …. und das hat man dann zunächst in der Presse, heute wohl auch noch vor Gericht, gegen ihn verwendet.

Ceterum censeo: ich bin der Meinung, dass man in Deutschland keine muslimischen Kinder großziehen sollte.

10 Antworten

  1. „ich bin der Meinung, dass man in Deutschland keine muslimischen Kinder großziehen sollte.“

    Sollten also alle gläubigen Muslime Deutschland verlassen und auswandern, damit ihre Kinder im wahren Glauben aufwachsen können? — Da würden sich unsere Islamfeinde freuen. Triumphierend würden sie auf ihren Erfolg verweisen … und sich das nächste Objekt ihres Hasses vornehmen …

    Ich nehme aber mal an, dass die meisten der ca. 4 Millionen Muslime in Deutschland bleiben wollen und sich als Deutsche UND Muslime verstehen – trotz Anfeindungen und Diskriminierungen, trotz der Schwierigkeiten, in einem nicht-muslimischen Land ganz nach muslimischen Regeln zu leben.

    Ich nehme an, dass darin eine fruchtbare Herausforderung liegt: Wie gestaltet man seine Religion in einer Umwelt, in der sie die Minderheit ist?

    Der Islam scheint auf ein Diasporaleben nicht so recht vorbereitet zu sein. Aber die Dichotomie Land des Islam – Land des Krieges gilt ja nicht mehr. Für Europa kommen also nur Diaspora-Regeln in Frage, und die erfordern ein gutes Stück Anpassung. Eine vitale Religion schafft das, oder?

    Im übrigen glaube ich, ist es wohl immer noch leichter, in Deutschland als gläubiger und praktizierender Muslim als in der Türkei oder Jordanien als gläubiger und praktizierender Christ zu leben. Obwohl, ich glaube, für Christen ist es leichter, in der Diaspora auf öffentlich sichtbare Rituale zu verzichten und ihren Glauben ein wenig versteckt zu praktizieren. Aber wenn ich mir mal vorstelle, in der Türkei würden 4 Millionen Christen leben und ihre Religion öffentlich leben wollen …

  2. Ja, ich meine, jeder der wirklich wert darauf legt, dass seine Kinder als Muslime aufwachsen, sollte sich ganz ernsthaft überlegen, ob er ihnen dies nicht ersparen will: schon als Kind permanent kämpfen zu müssen, miss- und verachtet zu werden, ständig zu wählen zwischen ein bisschen alltäglichem Frieden und Normalität und Allahs Wohlgefallen. Das ist für Erwachsene nicht einfach, für Kinder meiner Meinung nach zu viel.
    Und wohlgemerkt, ich schrieb: Deutschland. In anderen europäischen Ländern ist es oft anders. In England HAT man die Wahl, das Kind auf eine muslimische Schule zu schicken, dort gibt es sie. In anderen Nachbarländern gibt es die Alternative des häuslichen Unterrichts oder mit selbstgestellten Lehrern in Gruppen.
    Aber ein Kind in einem Land aufwachsen zu lassen, wo es ihm verboten ist, in der Schule zu beten, obwohl ein Gebet in die Zeit der Anwesenheitspflicht fällt – da ist wirklich Schluss.
    Der Islam hat nicht „gestaltet“ zu werden. Er muss gelebt werden. Und der Koran sagt: „Zu jenen, die Unrecht gegen sich selbst verübt haben, sagen die Engel, wenn sie sie abberufen: „In welchen Umständen habt ihr euch befunden?“ Sie antworten: „Wir wurden als Schwache im Lande behandelt.“ Da sprechen jene: „War Allahs Erde nicht weit genug für euch, daß ihr darin hättet auswandern können?“ “ – so dass man es nicht nötig hat, Sünden zu begehen und die Kinder sie lernen zu lassen.

  3. Als Mutter teile ich deine Ansicht nicht, alien, denn ich erlebe es ganz anders.
    Ich habe Familien kennen gelernt, die lassen ihre kleinen Kinder Schweinefleisch essen (z.B. im Kiga) und sagen wenn sie älter werden werden sie ihnen erklären das es verboten ist.
    Ich kenne Familien die entschieden haben das ihre Töchter erst ab 18 ein Kopftuch tragen sollen.
    Kinder aus solchen Familien haben es sicher schwer und haben niemals erlebt das etwas von anderen hinterfragt wurde und sie erklären oder gar verteidigen mussten. Meine Kinder hingegen kennen Fragen nach dem Warum und und sind im Reagieren geübt.

    Eines sollte man auch nicht vergessen: es geht hier um die Entscheidung einer Schule. Das ist kein flächendeckendes Problem. In den Schulen meiner Kinder gibt es kein Verbot die Pause zum Beten zu nutzen. Es gibt also noch die Möglichkeit einfach die Schule zu wechseln, Notfalls umzuziehen um zu einem anderen Sprengel zu gehören.

    Übrigens: gestern habe ich zu meiner Freude in einem Discounter eine Kassiererin mit Kopftuch gesehen. Bisher war das dort verboten.

    Ein Negativ-beispiel- was es immer geben wird- zum Anlass zu nehmen auszuwandern halte ich für einen großen Fehler. Die Wahl zwischen einer islamischen Schule und einer anderen ist auch nicht das einzig glücklich Machende. Sosehr ich mir eine wünsche, ebenso wie islamische Kigas, ich weiß doch, das es das allein nicht ist.

    @InitiativGruppe
    Es ist schön wie viele Leute immer meinen zu wissen wie viele Muslime in D leben.
    Es gibt bisher keine Pflicht sich als Muslim registrieren zu lassen und aus unserer Moschee weiß ich, das dort immer wieder Frauen und auch viele Männer den Islam annehmen- am liebsten beim Freitagsgebet.
    Die 4 Millionen sind wohl eher ein Wunsch als eine Tatsache.

  4. Es geht nicht um die Entscheidung einer Schule. Es geht um die Frage, ob eine Schule so etwas entscheiden kann, und laut GG Art. 4 Abs. 2 dürfte es daran nicht geringe Zweifel geben. Das OVG hat anders entschieden und wohl ein Recht der anderen Kinder, nicht beeinträchtigt zu werden ausgemacht. Damit folgt das Gericht der Ansicht der Schule, daß mögliche Konflikte zu vertuschen und unterdrücken sind.
    Natürlich sollen andere Kinder nicht beeinträchtigt werden, die Frage ist allerdings, warum es die Schule nicht als ihre Aufgabe ansieht, die Schüler so zu unterrichten und zu erziehen, daß eine solche Beeinträchtigung nicht mehr stattfindet.
    Im Übrigen steht es Muslimen frei, eigene Schulen zu gründen und zu betreiben, sie haben es bisher nur scheinbar noch nicht getan. In Mainz weiß ich von einem muslimischen Kindergarten, wieso also nicht auch eine Schule gründen, wenn der Bedarf besteht. Rechtlich dürfte es da keine Probleme geben.

  5. Doch, leider gibt es da rechtlich jede Menge Probleme. Mal abgesehen davon, dass die Finanzierung für die ersten drei Jahre ohne jeglichen Zuschuss auskommen muss, andererseits aber alle baurechtlichen Voraussetzungen gegeben sein müssen und die Lehrer nach BAT zu besolden sind. Die islamische Community in Deutschland ist aus historischen Gründen auch erheblich weniger finanzstark als z.B. die englische.
    Hinzu kommt, dass muslimische Schulen einfach nicht gewollt sind – in den achtzigern, da hättest du recht gehabt, wäre es wohl noch machbar gewesen. Damals sah es aber nicht so aus, als würde die Entwicklung in eine Richtung gehen, die es wünschenswert machen würde, muslimische Schulen zu gründen – eine Fehlentscheidung der damaligen Wortführer der Community, die ihnen wohl heute selbst leid tut.
    Heute kriegt man hintenrum ganz klar gesagt, muslimische Schulen wollen wir nicht, aus Prinzip einerseits und wegen der ohnehin sinkenden Schülerzahlen andererseits.
    Was den Mainzer Kindergarten angeht – die haben jede Menge Kröten schlucken müssen und ob sie sich halten können, ist noch nicht raus. Die Kampagne gegen das Projekt war übel.

  6. Interview dazu in der taz (schreibe ich evtl. morgen mehr dazu):
    http://www.taz.de/1/leben/alltag/artikel/1/ein-brandgefaehrliches-urteil/

  7. Salam aleikum,
    ich finde das Urteil natürlich völlig daneben und frage außerdem, wie man das durchsetzen will? Man kann ja einen Betenden wohl kaum vom Teppich zerren und der Schule verweisen, oder? Und Kreuz-schlagen und dgl. auch nicht verbieten.

    Ich hab keine muslimischen Kinder großgezogen, mein Sohn ist „vorislamisch“. Aber ich kenne nun viele Familien, in denen es gut gelungen ist, die Kinder hier zu rechtschaffenen Muslimen zu erziehen und es wäre schade für unser Land, wären die alle nicht hier.
    Gerade der Hamburger Kongress letztes Wochenende hat das wieder bestätigt, ebenso die Jugendlichen die ich hier in der Stadt kennengelernt habe (und vor deren Wissen ich den Hut ziehen würde, hätte ich einen). Ich glaube, es hat wirklich viel damit zu tun, wie die Eltern selber islamisch gebildet sind und ihren Kindern beistehen bei den Konflikten die es geben kann. Wenn man natürlich selber rumeiert im Versuch nur ja nicht unangenehm aufzufallen, dann wird es sicher sehr schwer.

    Grüße von Meryem

  8. Auswandern – ja, aber wohin denn? Mir ist das Land, in dem ich als Muslim lieber als in Deutschland leben würde, noch nicht unter gekommen. Der Großteil der Länder mit mehrheitlich muslimischer Bevölkerung wäre mir nichts. Ich bin mir keineswegs sicher, ob es dort leichter fällt, muslimische Kinder großzuziehen und kulturell gesehen waren mir die meisten dieser Länder schon sehr fremd.

    In Europa mag Großbritannien eine Option sein, aber so schlimm, dass es hier gar nicht mehr geht, ist es doch noch längst nicht.

  9. Ich empfinde es als Unverschämtheit, dass muslimischen Jugendlichend as Beten außerhalb der Unterrichtszeit verboten wird (wegen „aufdringlichen Betens, Gefährdung des Schulfriedens dadurch dass Mitschüler dem beten ausgesetzt werden), während in weiten teilen Deutschlands das vom lehrer initiierte Schulgebet während der Unterrichtszeit praktiziert und mit äußerster Verbissenheit verteidigt wird.

    Man kann nicht in Regionen mit hohem Muslim-Anteil das Beten verbieten und in Gebieten mit hohem Christenanteil praktisch vorschreiben!

  10. Das OVG hat mich auch wirklich überrascht. Das Urteil des VG war im Hinblick auf allgemeine Rechtssprechung zu Art. 4 GG völlig okay. Und das hat ja nichts mit Schulgebet zu tun – es ist einfach etwas, was der Schüler tun will, im Rahmen der Ausübung seiner Grundrechte. Wenn man dann daneben liest, was das BVerfG seinerzeit zur negativen Religionsfreiheit schrieb, geht das so gar nicht.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: