Dialog? oder besser doch nicht?

„Dialog-Veranstaltungen? Wenn ich es vermeiden kann, halte ich mich da raus, ich möchte meine Zeit sinnvoller nutzen.“ – Dieses Statement meines sehr geschätzten Lehrers schockierte mich seinerzeit. Hatte ich doch gerade erst meine aktive Mitarbeit an solchen Veranstaltungen begonnen und fand sie sehr sinnvoll, notwendig, bereichernd …

Als muslimische Frau, mit einiger Kenntnis auch des deutschen/christlichen Gegenübers, noch dazu ohne reisehindernden familiären Anhang, wurde ich bald gebeten, mal hier, mal da die muslimische Seite darzustellen. Angefangen bei Tagen der Offenen Moschee über Katholische Landfrauentreffen bis hin zu gut besetzten Runden auf höherer Ebene. Es war interessant, man lernte viele Leute kennen, konnte seine Meinung sagen. Was hatte mein Lehrer nur dagegen? Er hätte das oft sehr viel besser gekonnt, ich bedauerte, ihn nicht auf solchen Bühnen zu sehen.

Es dauerte ein paar Jahre, bis ich ihn zu verstehen begann. Mit der Zeit kamen mir diese Veranstaltungen vor wie ein Hamsterrad. Von den Einladenden – dem Publikum – den Diskussionspartnern kamen wieder und wieder die gleichen Fragen, Anwürfe, Forderungen. Egal, wie oft eine Antwort wiederholt wurde, es war nie genug. Es war auch egal, ob da Unmögliches oder Diskriminierendes verlangt wurde. Nur selten bemerkte jemand, welche Verhaltensmuster sich da einspielten.

So passierte es, als ich an einer Tagung über Erwachsenenbildung teilnahm, dass in dem Workshop, in dem es um die Vorbereitung von Seminaren über den Islam gehen sollte, mich plötzlich unversehens als einzige Muslima im Raum auf der Anklagebank fand: ob ich meine, dass der Islam mit dem Grundgesetz vereinbar sei, ob ich nicht denke, dass das, was ich trage (es war ein Hosenanzug!) eine Art Uniform sei – kurz, die ganze Palette. Ich begann, möglichst geduldig die Fragen – immerhin höflich formulierte – zu beantworten. Das ging eine ganze Weile, mit immer penetranter werdenden Rückfragen, bis plötzlich der Diskussionsleiter aufwachte:

„Was machen wir hier eigentlich? Das ist doch völlig abseits vom Thema, und wie benehmen wir uns eigentlich Frau … gegenüber, die so nett war, hier teilzunehmen um uns bei der Themenfindung für die Seminare zu helfen?“ – Betretenes Schweigen. Die Teilnehmer waren alle wirklich nette Leute, hochgebildet, und stellten an sich selbst jetzt Verhaltensweisen fest, die sie anderswo sicher heftig kritisiert hätten. Der Workshop endete in bestem Einvernehmen mit hoffentlich brauchbaren Ergebnissen, abends entschuldigten sich einige bei mir noch separat.

Änderte aber nichts daran, dass es fast nichts für mich essbares gab. Nur am Rande. Das war aber sehr oft der Fall – daran dachten ganz viele Veranstalter nicht.

Dieser Vorfall war bezeichnend – und ausnahmsweise auch mal für die Agierenden ein Lernzuwachs. Zu oft stieß ich aber auf Beratungsresistenz im weiteren Sinne, auf Herablassung der einen oder anderen Art – und immer wieder: same procedure as last year.

Dabei war ich ja längst nicht die Einzige – viele Vertreter von Moscheen und Verbänden, meist die bestgebildeten, verbrachten Tage und Stunden mit diesen Bemühungen. Ein irrsinniger Aufwand an Personal, Zeit, oft auch Geld, das den muslimischen Vereinigungen dann bei der internen Arbeit meiner Ansicht nach bitter fehlte.

Was kam dabei heraus? Oft, dass Dinge, in bester Absicht gesagt, gegen uns verwendet wurden. Offenheit führte zu weiteren Verdächtigungen und Beschuldigungen, aber nicht zu weiterführendem Verstehen.

Vor allem: war das denn ein Dialog? Je länger ich mitmachte und zusah, desto mehr erschienen mir dies immer weitere Gelegenheiten, diese Muslime dazu zu bringen, sich, schlimmer noch, ihren Islam, zu rechtfertigen, zu ändern, zu entstellen. Nur die wenigsten hatten den Mut, ihren Kopf hoch zu tragen: hier stehe ich, ich kann/darf/will nicht anders, weil ich nur Allah fürchte.

Um nicht die Menschen in meinem Umfeld, die dies anders sahen und wohl noch sehen (müssen) zu blamieren, verabschiedete ich mich schweigend aus diesem Zirkus. Aber ich schweige nicht vollends. Ich schreibe – das, was ich denke. Ich lasse mich nicht mehr vorführen, verkaufen, …

Über dieses Thema habe ich schon länger nachgedacht. Dieser Artikel entstand jedoch, nachdem die taz einen Bericht von einer „Dialog“-Veranstaltung des Kirchentags brachte:

http://www.taz.de/1/leben/schwerpunkt-kirchentag/artikel/1/pflicht-zur-solidaritaet/