Islamkonferenz gescheitert

Der Zentralrat der Muslime teilte gestern mit, dass er endgültig von der sogenannten Islamkonferenz fernbleiben werde. Eine Entscheidung, die ich begrüße – auch wenn sie sehr spät kommt. Bereits 2006, als der damalige Innenminister Schäuble die Einladung zur ersten Auflage dieser Treffen aussprach, wäre der Zeitpunkt gewesen, aufzustehen und zu gehen, als die Besetzung bekannt wurde. Ein Treffen des Innenministers mit den islamischen Verbänden wäre eine gute Idee gewesen – jedoch dazu zahlreiche „Islamkritiker“ ohne jegliche Legitimation einzuladen, war in meinen Augen ein genügend großer Affront, dass die Verbände sich nicht darauf hätten einlassen sollen.

Was ist nach der ersten Runde herausgekommen? Nichts. Jedoch für die beteiligenden Verbände wurden erhebliche finanzielle und personelle Ressourcen gebunden, die für andere, erfolgversprechendere und wichtigere Aufgaben somit nicht mehr zur Verfügung standen.

Ganz bös könnte man sagen, genau darauf zielte diese Einladung ab, und alle Verbände sind dem aufgesessen. Zum Zeitpunkt des Beginns dieser Einladung waren gerade alle Verbände dabei, über die Erstellung neuer, gemeinsamer Strukturen nachzudenken, etliche Vorarbeiten waren schon gemacht. Da ja der Innenminister als Herr auch des Verfassungsschutzes über Interna immer gut informiert ist, muss ihm auch das bekannt gewesen sein. Eine einheitliche Vertretung der Islamverbände? Welch Horror, dachte er wohl, und sann auf ein wirksames, aber offizielle sehr freundlich aussehendes Mittel, dies zu verhindern.

Das hat bislang recht gut funktioniert, und als zu große Einigkeit drohte, wurde anderweitig Zwietracht geschürt, indem man nunmehr zwischen den lieben und den bösen Verbänden unterschied. Dazu trug bei, dass einige Landesbehörden so freundlich waren, aus uralten, aber noch nicht geschlossenen Ermittlungsverfahren Durchsuchungsbefehle zu zaubern, pressewirksame Razzien durchzuführen und damit den lästigsten Verein, die IGMG, mit allen möglichen Verdächtigungen zu überziehen.

Unschuldsvermutung? Aber doch nicht für Muslime. Solange die Verfahren laufen – einige tun das wohl bereits seit 7 und mehr Jahren – kann man das gegen sie verwenden. Ein guter Grund, sie nicht einzustellen.

Es stand zu befürchten, dass DITIB und VIKZ zu ängstlich und auch zu obrigkeitsgläubig sind, um sich da solidarisch zu erklären und ihre Stühle leer zu lassen. Beim VIKZ ist das besonders ärgerlich, weil sie die Methode eigentlich kennen sollten. Der Zentralrat wiederum hat einerseits wohl genug kluge Leute, die sehen, wohin das geht und das die zweite Runde genauso unsinnig und zeitverschwendend wäre wie die erste. Andererseits steht er dem Islamrat, bei allen Rivalitäten, doch am nächsten – schon früher wurde viel kooperiert. Beide Verbände waren unter den ersten, die sehr viel mehr auf deutsch arbeiteten und veröffentlichten, als die beiden verbliebenen.

Das aber ist noch ein Punkt, wo ich meine Überschrift nicht mehr mit einem Fragezeichen zu versehen gedenke. In der sogenannten Konferenz sind nunmehr fast nur noch türkische Vereine vertreten. Außer dem jetzt angekündigten Verband der bosnischen Muslime – wenn er denn kommt – sind praktisch alle nichttürkischen Vereine in einem der beiden anderen Verbände organisiert, auch und besonders die Vereine der deutschen Muslime. Dafür ist die „Türkische Gemeinde Deutschlands“ mit von der Partie – ein Verein, der nichts mit Religion zu tun hat, bestens in der Integrationskonferenz aufgehoben war und hier eigentlich nichts zu suchen hätte.

Nein, ich habe nichts gegen türkische Verbände, keineswegs. Aber wenn der Innenminister irgendetwas sinnvolles tun will, kann er nicht weiter verhandeln, ohne auch die Vertreter der nichttürkischen Muslime zu hören – zu Bedingungen, die für sie akzeptabel sind.

Oder, die deutsche Politik und die Behörden tun endlich das, worauf ich immer poche: sich an die bestehenden deutschen Gesetze halten. Diese nicht ändern, wenn es sich herausstellt, dass sie auch für Muslime und ihre Einrichtungen günstig wären. Anträge ernsthaft bearbeiten, seit Jahren erfolglose Verfolgung durch sogenannte Verfassungsschützer beenden. Ich denke, damit wäre den Muslimen am meisten gedient. Die haben nämlich i.d.R. kein Problem mit dem Grundgesetz und den bestehenden Gesetzen, sondern mit deren Auslegung und Änderung zu ihren Ungunsten.

Mein Wunsch: möge Allah den Muslimen einen Sinn für Einigkeit verleihen und sich brüderlich unterstützen lassen.

5 Antworten

  1. Unwahrscheinlich.

  2. Wünschen darf man aber doch.

  3. Lachmann kommentiert in der WELT – habe ich erst jetzt gesehen:
    http://www.welt.de/politik/lachmann/article7601793/Schwerer-Rueckschlag-fuer-den-Islam-in-Deutschland.html
    Nett, dass er das mit der Unschuldsvermutung auch sieht. Aber ansonsten kann ich sehr vieles, was er sagt, nicht teilen. Weder, dass dies ein wirklicher Rückschlag wäre, noch, dass der Zentralrat einen Kniefall vor dem Islamrat gemacht hätte, noch, dass er sein Selbstverständnis überprüfen müsste. Denn m.E. tut er mehr für die Muslime, wenn er endlich mal standhaft bleibt und sich nicht ausnutzen, bevormunden und vorführen lässt.

  4. […] Ach, da ich eh nicht so gut schreiben kann wie die anderen, dann auch noch der Hinweis auf ein paar sehr lesenswerte Artikel… von Alien in Europe Islamkonferenz gescheitert […]

  5. Stelle grade fest, dass dieser Artikel bei NewsNetGlobal in die Rubrik „Migration“ eingeordnet wurde.
    Wann schaffen wir es, die Befassung mit dem Islam je nach Kontext zu einem Topic der Innenpolitik oder der Religion zu machen, dass Islam nicht mehr als „Ausländerproblem“ gesehen wird?

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