Muslime bitte draußen bleiben

Noch zu meiner Schulzeit entstand der von Anfang an umstrittene „Radikalenerlass“. Wir Kinder wunderten uns, warum Menschen, die nichts schlimmeres taten, als für eine nicht verbotene Partei zu kandidieren, nicht Lehrer sein durften, wohl aber so einige Herren, deren ständige braune Reden uns nicht wenig auf die Nerven gingen. Brandt selbst bezeichnete später diesen Umgang mit Andersdenkenden als einen seiner größten Fehler. Meiner Meinung nach zu Recht, denn die Folge war ein zunehmendes Duckmäusertum und die Verankerung des Wortes „Berufsverbot“ als Fremdwort in anderen Sprachen.

Heute sind Regelanfragen beim Verfassungsschutz in vielen Bereichen die Regel, ohne dass allzu viel darüber diskutiert wird. Nur hin und wieder findet mal ein Fall die Aufmerksamkeit der Presse – wie z.B. bei Csaszkóczy. Meist sind es Linke, selten mal ein Rechter (ich wüsste grade keinen passenden Beispielsfall), und bei Muslimen ist der Umgang schon wieder völlig anders. Das liegt zum Teil daran, dass es sich hier um den Bereich des Art. 4 GG handelt, nicht um Art. 5 oder politische Betätigung. Zum anderen aber hat man es sich bei den muslimischen Frauen leicht gemacht und stellt sie einfach schon wegen Kopftuchtragens nicht ein.

Während der Ludin-Diskussion habe ich argumentiert, was wohl wäre, wenn ihr (fiktiver) Bruder, der den genau gleichen Hintergrund hat, die gleiche Erziehung und die gleichen Ansichten teilt, sich gleichzeitig um Einstellung beworben hätte – da wäre wohl erst mal nichts passiert. Obwohl, erst vor kurzem hat man einem muslimischen Lehramtskandidaten die Einstellung verweigert – wegen angeblicher Kontakte zu unerwünschten Muslimen.

Was aber, wenn dann die Schule nach der Verbeamtung gewahr geworden wäre, dass er Frauen nicht die Hand gibt, irgendwann in einer Ecke betet, gar irgendwo islamische Vorträge hält? Ihn deshalb zu entlassen, hätte problematisch werden können. Anders als bei Einstellungen trifft da der öffentliche Dienstgeber auf höhere Hürden.

Doch auch da scheint es Mittel und Wege zu geben.

Vor kurzem sendete RTL-Hessen ein Video über einen Polizeibeamten, der erst nach der Verbeamtung zum Islam konvertierte. Das wurde ruchbar, vor allem, weil er sich nicht damit begnügte, zu Hause Koran zu lesen und zu beten, sondern auch Vorträge zu halten begann, die dann per Video im Internet Interessierten zur Verfügung gestellt wurden. RTL gab sich entsetzt: wie kann SO JEMAND im Polizeidienst sein?

Was wurde ihm vorgeworfen? Aus dem RTL-Beitrag konnte ich nur entnehmen, dass er die Nichteinhaltung der Geschlechtertrennung für Muslime als Sünde bezeichnet, und sich auf die Scharia beruft. Frau Spuler-Stegemann, allseits einschlägig bekannt, stand natürlich wieder mit einem passend aufwiegelnden Statement zur Verfügung.

Nun, nichts von dem, was da gefunden wurde, dürfte für dienstliche Maßnahmen ausreichen. Aber so eine Presseveröffentlichung ist natürlich schon ein gutes Mittel, um eine Hetzjagd anzuzetteln. Insbesondere, wenn derjenige gesundheitlich bereits angeschlagen ist. Das ist den Berichten nach hier der Fall – er ist gesundheitshalber nicht mehr im Dienst, nicht aber wegen, wie fälschlich behauptet wird, Ermittlungen gegen ihn. Interessant ist aber, wie es überhaupt zu diesen Pressbeiträgen kam, wie die Presse an dienstliche Informationen und seine Privatadresse kam.

Abu Bilal scheint sich wehren zu wollen. Sein Anwalt ist klug genug, möglichst wenig zu kommentieren, weshalb auch andere Zeitungen anscheinend die Sache – noch – nicht aufgegriffen haben. Die Wahl des Anwalts ist bemerkenswert:

 Anwalt Hartherz ist übrigens ein Experte, wenn es um die Polizei geht, er hat schon viele Beamte juristisch beraten, die sich von der Leitung des Polizeipräsidiums Frankfurt drangsaliert fühlten. Stichwort Mobbing. Der Hintergrund ist traurig: Vor drei Jahren hat sich sein Bruder, ein Frankfurter Hauptkommissar in seinem Dienstzimmer im Präsidium erschossen. «Selbstmord in der hessischen Polizei ist ein Thema», sagt Hartherz.

Weiter ist in dem Artikel zu lesen:

 Er will da keinen Zusammenhang zu seinem Mandaten herstellen. Auch die Informationen der TZ, dass Abu Bilal wegen Depressionen krank geschrieben wurde, will er nicht kommentieren. Angeblich soll der 39-jährige in einen Zwiespalt zwischen Religion und Beruf geraten sein und unter großem Druck gestanden haben. Selbst der Verfassungsschutz soll sich für ihn interessiert haben.

Wie so etwas aussehen kann, weiß ich. Kollegen, die mobben, wenn sie von der Konvertierung erfahren, Vorgesetzte, die offen misstrauisch werden, das ständige Gefühl, beobachtet, ausspioniert, verfolgt zu werden….

Abu Bilal verdient meine Solidarität. Das hätte auch ich sein können, oder mein Bruder, mein Freund…. Ich kann verstehen, dass er keine Videos mehr verfassen will. Er hat Familie, die Gesundheit geht vor.

Dabei denke ich an einen anderen Bruder. Der war im Schuldienst, ein eher sehr leiser Mensch. Er starb, nachdem er unerklärlicher Weise ins Koma gefallen war. Seine junge Witwe schrieb einen offenen Brief, in dem sie erzählte, wie sehr er unter diesem Mobbing gelitten hatte und dass sie davon ausgeht, dass er, der sonst völlig gesund war, daran zu Grunde gegangen sein dürfte.

Möge Allah Abu Bilal Kraft und Gesundheit geben.

6 Antworten

  1. […] This post was mentioned on Twitter by erziehung, CONTRACOMA. CONTRACOMA said: NetNewsGlobal: Muslime bitte draußen bleiben: Vor kurzem sendete RTL-Hessen ein Video über einen Polizeibeamten, d… http://bit.ly/aNdcdg […]

  2. du weißt, daß ich nicht in allem deine sichtweise teile, das wird vielen anderen auch so gehen. da sollen aber gespräche, meinungsaustausch und auf beiden seiten ein offener kopf helfen.

    ja klar, kenn ich nicht, macht mir angst, weg damit – wie praktisch. die welt wird immer offener und kleiner, und die kleinstaaterei beginnt wieder im vorgarten. man muß einfach lange genug warten, bis die fronten wirklich welche werden. igittigitt.

  3. Ich habe nicht umsonst den Absatz über den Anwalt verlinkt. Bei der Polizei wird viel gemobbt. Meist trifft es i.Ü. Frauen – aber so wird man anscheinend auch muslimische Kollegen los. Und ich denke, an dem Punkt denkst du auch nicht anders.

  4. Just want to say what a great blog you got here!
    I’ve been around for quite a lot of time, but finally decided to show my appreciation of your work!

    Thumbs up, and keep it going!

    Cheers
    Christian, iwspo.net

  5. „Noch zu meiner Schulzeit entstand der von Anfang an umstrittene „Radikalenerlass“. Wir Kinder wunderten uns, warum Menschen, die nichts schlimmeres taten, als für eine nicht verbotene Partei zu kandidieren, nicht Lehrer sein durften, wohl aber so einige Herren, deren ständige braune Reden uns nicht wenig auf die Nerven gingen. Brandt selbst bezeichnete später diesen Umgang mit Andersdenkenden als einen seiner größten Fehler. Meiner Meinung nach zu Recht, denn die Folge war ein zunehmendes Duckmäusertum und die Verankerung des Wortes „Berufsverbot“ als Fremdwort in anderen Sprachen.“

    Soweit ich mich erinnern kann, traf es nicht nur Lehrer, sondern auch Briefträger. Und man hatte damit ein Thema geschaffen, welches nicht nur Karl Eduard von Schnitzler Stoff für viele Sendungen lieferte.

  6. Und wieder wird ein Polizeibeamter mit Entlassung bedroht – weil er Infostände anmeldete und nicht so denkt, wie seine Dienststelle das verlangt.
    http://www.derwesten.de/region/kommissar-aus-duisburg-wegen-salafismus-suspendiert-id6634263.html

    PI – derzeit auf Notfallblog – freut das natürlich.
    http://newpi.wordpress.com/2012/05/08/duisburg-kommissar-ali-k-ist-salafist/

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: