Religionsallergie?

Im letzten Jahr wurde das Urteil eines Berliner Gerichts heiß diskutiert, das sich mit dem Gebet eines muslimischen Jungen in der Schule befasste.

 Der Sachverhalt wurde dabei oft missverständlich dargestellt: nicht war der Junge, bzw. seine Eltern, darauf aus gewesen, einen Gebetsraum in der Schule zu fordern, sondern er hatte sein Mittagsgebet in einer Ecke oder einem Flur der Schule verrichtet. Das hatte die Schulleiterin untersagt. Daraufhin musste das Gericht sie belehren, dass die Religionsausübung auch nicht durch Schulvorschriften beschränkt werden darf – wenn sie nicht möchte, dass man den Schüler beim Beten sieht, muss sie ihm einen bestimmten Platz zuweisen.

 Mein Kompliment an das Gericht, das sich zu dieser unpopulären Entscheidung durchrang. Was mich jedoch in diesem Zusammenhang nachdenklich macht, ist die Allergie, die manche Zeitgenossen in Deutschland gegen die Sichtbarkeit von Religion entwickelt haben. Das geht bei Kopftüchern los (ich verorte auch diese Debatte mitnichten bei Fragen der Frauenrechte, sondern vielmehr bei der Religionsaversion), und wird virulent, wenn es sich um sichtbares Beten handelt.

 Auch auf dem Blog der Initiativgruppe gab es einen Artikel über das Beten in den dortigen Räumen – und ich war wirklich schockiert, dass es so schlimm für manche ist, jemanden beim Gebet im Kopierraum anzutreffen. Zu „erwischen“, wie dort formuliert.

 Kein Wunder, dass viele Muslime, auch wenn sie wissen, dass es nicht korrekt ist, das Beten auf zu Hause verschieben. Sie sollten Allah mehr fürchten als die Menschen, aber der ständige Terror, den man sich einhandelt, zermürbt.

 Was ist das? Die Angst, die Gläubigen könnten doch recht haben und es gibt Gott und die Verpflichtung, ihm zu dienen?

3 Antworten

  1. Ja, das ist alles problematisch, wobei die Christen ja früher vor jeder Schlacht Feldgottesdienste abhielten und es ansonsten üblich ist, Gebete in der Kirche zu verrichten. Eine andere Frage ist doch: was würden Muslime in ihrem Land tun, wenn ein Christ mittendrin irgendwo vor einem Christen-Kreuz niederkniet und zu beten anfängt? Einfach glücklich, dass es da eins gibt? Man muss Aversionen ernst nehmen, muss ernst nehmen, dass sich die Leute hier bedroht fühlen, dass sie gewisse Frechheiten und unglaubliche Unverschämtheiten als ihr Leben verschlechternd empfinden, dass sie den Verdacht einer stillen Okkupation hegen, dass sie in vieler Hinsicht den Eindruck haben, Besatzer vor sich zu haben, die man nicht ansehen, denen man nichts sagen darf, die einem zuweilen mit vollkommener Verachtung begegnen.

  2. Halte ich nicht für zutreffend.
    Auch wenn sich die meisten – bekanntwerdenden – Problem dieser Art um Muslime drehen, habe ich von Katholiken im Prinzip das Gleiche gehört. Tischgebet z.B. in Gesellschaft hat ähnliche Ablehnung zur Folge.
    Insofern denke ich, dass du mit deinem Erklärungsansatz falsch liegst.

  3. Es gibt so etwas wie „Religionsallergie“. Ich glaube auch, dass ich das bei manchen Freunden, also auch bei mir sympathischen Menschen, spüren kann.

    Menschen, die von Religion grundsätzlich nichts halten, sind oft irritiert, wie Zeitgenossen Religion sichtbar und intensiv leben können. Es erscheint ihnen falsch, pervers, heute noch an etwas so „Gestriges“ zu glauben wie den Koran oder die Bibel, Mohammed oder Jesus, Allah bzw. Gott. Wenn es überhand nähme, wäre ihre säkulare Kultur bedroht.

    Und dann ausgerechnet der Islam: so provokant andere Werte lebend als die emanzipierte deutsche Frau der Linken. Das Nervensystem signalisiert da: Perversion! Gefahr!

    (Mir geht es mit einigen modernen Erscheinungen ähnlich. Wenn ich junge Leute sehe, die markengeil konsumfetischistisch an kaum was anderes denken als an Geld und Show und Entertainment, zum Beispiel. Auch wenn mich meine „Altersweisheit“ da gelassen reagieren lässt – meine Hand reiche ich diesem Lebensstil nicht.)

    Die tiefer gehende Frage wäre: BRAUCHT der Mensch, um ganz Mensch zu sein, RELIGION?

    Wenn man diese Frage mit JA beantworten kann, dann könnte man die „Religionsallergie“ als eine Art kulturelle Krankheit bezeichnen. Als etwas Tragisches und Gefährliches: weil es Selbstzerstörung bedeuten würde.

    Aber WISSEN wir SICHER, dass der Mensch RELIGION BRAUCHT? (Ich meine: anthropologisch, bzw. soziobiologisch. Meine Frage ist also nicht religiös gestellt. Ich halte mich bei Faktenfragen an Wissenschaftlichkeit.)

    Ich vermute, die Antwort fällt pro Religion aus. Wobei der Begriff „Religion“ sehr weit interpretiert werden muss. Diejenigen, die an „Religionsallergie“ leiden, haben vielleicht ja auch ihr „Heiliges“, ein nur scheinbar säkulares „Ersatzheiliges“. Oft ist es ein „Heiliges Ego“.

    Ob so etwas aber Bestand hat, wenn es ernst wird – wenn der Tod an die Tür klopft, zum Beispiel?

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