Lukrativer Vertrauensmissbrauch

Vorweg: ich war ein Fan von Walraff, seit ich seine Reportagen entdeckt habe. Als „Ganz unten“ erschien, erst recht – mein Mann arbeitete damals unter ähnlichen Umständen und G.W. eroberte damit die Herzen eines nicht unbeträchtlichen Teils der türkischen Community.

Aber auch er erkannte, wurde teilweise zu dieser Erkenntnis gezwungen, dass diese Rechercheform Grenzen hat, haben sollte, wo sie in das Privatleben des Umfelds geht und auch dort die Rolle aufrecht erhalten wird. Dies über lange Zeit zu tun, in der Absicht, das dann später publizistisch zu verwerten, ist nicht unumstritten.

Ich wurde an Walraff erinnert, als ich heute einen Artikel in der Online-Ausgabe der Basler Zeitung las. Der amerikanische Journalist Theo Padnos gab dort ein Interview zu seinem neuen Buch, das er schrieb, nachdem er drei Jahre als angeblicher Muslim im Jemen Koranschulen besucht hat.

Er wird dadurch sicher ein gesuchter Gesprächspartner für einige Zeit sein, sein Buch gut promoten können. Mich würde es auch interessieren. Aber an einem Punkt fand ich sein Vorgehen nicht mehr witzig:

„Ich wurde offiziell zum Muslim im Herbst 2005. Ich habe vor einem Zeugen erklärt: «Es gibt keinen Gott ausser Gott, und Mohammed ist sein Prophet.»

Haben Sie gegenüber Ihren jemenitischen Mitschülern und Lehrern kein schlechtes Gewissen – Sie haben sie schliesslich systematisch getäuscht?
Viele Muslime im Jemen waren sehr gastfreundlich und herzlich mir gegenüber. Ich wusste, sie sind regelrecht entsetzt bei der Vorstellung, dass Ungläubige aus dem Westen ihre heiligen Stätten betreten könnten. Natürlich hatte ich oft Angst vor den Konsequenzen, aber ich habe einfach weiter den Koran gelernt, mich vor den Gebeten gewaschen – und weiter gelogen.

Alles Lüge. Drei Jahre hat er Kost und Logis mit Menschen geteilt, die er systematisch angelogen hat. Und es wird ihm viel Geld einbringen – sicher auch interessierte Leserschaft beim CIA. Wie er sich wohl fühlen wird, wenn dann dort Menschen sterben, begünstigt durch seine Informationen?

Mir ist übel.

2 Antworten

  1. Salam aleikum,
    anscheinend hat der Herr so gar keine Angst vor Konsequenzen, was nicht für die Qualität der dortigen Islamschulen spricht. Wohl selten ist ein Heuchler so offen.

    Wallraff fand ich früher auch gut, aber inzwischen hat er sich ja unter die „Islamkritiker“ eingereiht und seine letzte Aktion war ja wohl peinlich.
    Außerdem haben sich Arbeitsverhältnisse wie er sie beschreibt, inzwischen so verbreitet, dass man da keinen mehr zum „Aufdecken“ braucht. Die sind ja sowieso ganz offen erlaubt mittlerweile.

    Wassalam, Meryem

  2. Einerseits muss ich dir recht geben, Alien,
    andererseits …

    Also, ich gehör eher zu denen, die Inklusion der Exklusion vorziehen – mehr noch, die jeglicher Exklusion misstrauisch bis feindselig gegenüberstehen.

    Ich mag grundsätzlich diese Art von Betrüger, die als Spione arbeiten, oder Verkleidete, die sich irgendwo einschmuggeln.

    Wenn wo was verborgen wird, dann stimmt da was nicht – das ist mein Reflex, meine Intuition.

    Ich muss andererseits meine Nase nicht ins Privatleben anderer stecken – das geht mich nichts an. Paparazzi gehören nicht zu meinen Freunden. — Das ist die andere Seite. Aber Mekka ist öffentlich, eine Schule auch.

    Ausnahmen gibt es natürlich. Ich glaube zwar nicht, dass reine Frauenklassen, unterrichtet von ausschließlich weiblichen Lehrkräften bei den Integrationskursen in Deutschland heute noch sinnvoll sind, aber sie waren es wohl mal für eine gewisse Zeit.

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