Regimewechsel im Iran? – beliebte Irrtümer

Sicher bin ich nicht die einzige, die sich fragt, wie es tatsächlich im Iran aussieht, inwieweit die Demonstrationen und Proteste den Ausdruck der Unzufriedenheit mit der Regierung oder dem System ausdrücken – oder nicht. Ich teile jedenfalls nicht den bisweilen festzustellenden hype, der davon auszugehen scheint, dass dort eine Mehrheit von Iranern sich vom Islam abwendend endlich wieder eine westliche „Demokratie“ mit westlichen „Werten“ eingerichtet sehen will – wenn möglich, mit Hilfe der lieben Amerikaner oder Europäer.

Ich sehe in solchen – von mir hier jetzt verkürzt und absichtlich sarkastisch wiedergegebenen – Annahmen zwei grundlegende Fehler:

1. Was in den Medien zu sehen ist, auch im Internet, auch in Twitter, ist keine Mehrheit. Die iranische Mehrheit ist ländlich, konseverativ -und muslimisch. Diesen Fehler, nur die für den Westen wahrnehmbare Schicht zur Kenntnis zu nehmen, wurde im Iran schon 1978 gemacht (und in der Türkei fast ständig). Aber selbst die Masse der Protestierenden ist als Anhänger Moussavis nicht das, was manche im Westen meinen.

2. Völlig gleichgültig, in welchem Verhältnis hier Opposition zu Regime steht – in dem Moment, wo es einen Angriff von außen gibt, wird die Opposition alles andere tun, als das als Hilfe und Rettung zu begrüßen. Vielmehr würde sie sehr viel leiser werden, Gegensätze würden eher bereinigt – und der größte Teil des Landes würde, bei allen Vorbehalten, hinter jeder Regierung stehen. Das sollten sich die, die so gerne mit Säbeln rasseln, vielleicht einmal ins Stammbuch schreiben lassen.

Einen interessanten Artikel, der vor allem die Unterschiede zwischen den Situationen 1977/78 und jetzt herausarbeitet, fand ich in der Asia Times:

Regime change in Tehran? Don’t bet on it
By Dilip Hiro

The dramatic images of protestors in Iran fearlessly facing – and sometimes countering – the brutal attacks of the regime’s security forces rightly gain the admiration and sympathy of viewers in the West. They also leave many Westerners assuming that this is a preamble to regime change in Tehran, a repeat of history but with a twist. After all, Iran has the distinction of being the only Middle Eastern state that underwent a revolutionary change – 31 years ago – which originated as a mild street protest.

 

Er zieht das Ganze noch etwas anders auf, kommt aber an vielen Stellen zum gleichen Schluss wie ich, wenn ich auch die Zahlen nicht so hatte, die ihm anscheinend vorliegen.

8 Antworten

  1. Zu 1.: Ich denke, das Ausmaß und die Ausbreitung der Opposition über den Iran lässt sich von außen nur schwer beurteilen. Man kann weder mit Sicherheit sagen, dass eine deutliche Mehrheit hinter der Opposition steht, noch kann man dasselbe über das Regime sagen. Es steht allerdings fest, dass mit der Grünen Bewegung eine bedeutende politische Kraft im Iran entstanden ist, die zu Recht Anspruch auf Mitsprache in politischen Fragen erhebt und die mittel-bis langfristig auf die eine oder andere Weise in den politischen Prozess eingebunden werden muss. Der Kern der Opposition gehört der Mittelschicht in den größeren Städten an, sie ist jedoch keineswegs darauf beschränkt und umfasst auch Teile der ärmeren Schichten in der Provinz.
    All dies haben die Ereignisse der vergangenen 7 Monate gezeigt.

    Zu 2.: Eine militärische Aktion zur Unterstützung der Opposition im Iran zieht heute niemand ernsthaft in Erwägung. Zu Bushs Zeiten wäre das wohl eine Option gewesen, aber unter Obamas Führung wird es nicht passieren. Hoffentlich halten sich die USA auch ansonsten zurück und unterstützen keine militärischen Widerstandsgruppen im Iran. Es wäre kontraproduktiv.
    Wenn es einen Angriff auf den Iran geben sollte, dann allein wegen des Atomprogramms. Die Folge wäre aber in der Tat ein Desaster für die Opposition und würde das Regime bedeutend stärken.

  2. Aber was man mit Sicherheit sagen kann, die Opposition wird mit vielen Dollars unterstützt.
    Das bestätigt selbst der CIA. Hinter die Rolle Israels zu schauen ist schwerer, da der Mossad viele verdeckte Aktionen startet und die Presse in Israel
    viel zu gleichgeschaltet ist, um darüber zu berichten.
    Alles was dem Staat Israel nicht gefällt bekämpft er mit allen Mitteln und die sind längst nicht immer sauber

  3. Wie kommen Sie auf solchen Aussagen?
    Egal im Dorf oder Stadt, die menschen sind zu 95 % gegen dem Regim. Es hat mit der Relegion nicht zutun.
    In 2 Tagen werden 5 Jugendliche hingerichtet, weil Sie in den Strassenprotesten teilgenommen haben und die Meinung gesagt haben. Hier ist nicht Deutschland. Die Opposition spielt mit seinem leben. Unter solchen Umstaenden kommen die Menschen auf die Strasse. Emails, Weblogs, Sms usw werden kontroliert. Kleinste Stimme wird mit brutalitaet ruhig gestellt.
    Bitte, Bitte. Lassen Sie das. Es sind zu viele Menschen darauf gegangen. Zu viele Menschens leben stehen auf dem Spiel. Der kampf im Land ist uns genug.
    Bitte lassen Sie, die Menschen die naeher Kontakt zu ziesem Land haben, die Meinung aussern. Ihre ist Falsch.
    Es tud mir Leid. es musste gesagt werden.

  4. P.S.
    Offiziele Statistiken von “ Internet World State “
    http://www.internetworldstats.com/stats5.htm
    ……………………………………………………………………
    Iran Population: 66,429,284

    Internet User: 32,200,000

    Das heisst: 48.5 % des Iraner nutzen Internet.

    und bitte schauen Sie die Ergebnisse von den Wahlen in: http://whopopular.com/

    Sie sehen: Mousawi mit 65000 Stimmen und Ahmadinejad mit 800 Stimmen.

    Ist das nicht genug?
    Bitte recherchieren Sie zuerst und dann fangen Sie an zu schreiben.

  5. Wer bezweifelt, dass Khamenei/Ahmadinejad/Revolutionsgarden sicher im Sattel sitzen und außerdem eine starke Anhängerschaft in der Bevölkerung haben?

    Die Probleme sind:
    – Wie integrieren sie die breite und in der gebildeten Elite besonders starke Opposition?
    – Wie wollen sie es schaffen, ohne konsequente Demokratie und Rechtsstaatlichkeit kompetente, nicht-korrupte Politik zu machen?
    – Das Regime ist nicht in der Lage, Wahlen so durchzuführen, dass man das Ergebnis verifizieren kann.

    Die Verfassung des Iran sichert die Macht einer religiösen Elite. Es macht auf die Dauer die Religion kaputt, wenn die religiösen Autoritäten zugleich politische Autoritäten sind: als Exekutive und Legislative und Geheimdienst und Miliz.

    Die jetzige Führungselite sitzt also zwar sicher im Sattel, macht dabei aber längerfristig ihre Religion und ihr Land kaputt.

    Was dem Regime jetzt vor allem helfen könnte, wäre — der Luftkrieg Israels (und der USA im Schlepptau): dann würde der Großteil der Opposition sich wieder hinter das Regime stellen.

    Schlussbemerkung: Ich selber lass mir von religiösen oder sonstigen Autoritäten keine Kleidervorschriften machen, und ich will Informationsfreiheit haben und Medien, die meine Regierung attackieren können. Und dass Folterer angeklagt und verurteilt werden. Das mal unter anderem. – Wär ich Iraner, ich wär für den Reformer Mussavi und wie seine Anhänger immer wieder auf der Straße und würde vielleicht zusammengeschlagen werden von der iranischen SA, den Basiji oder wie die heißen.

  6. @yoush: Ich hoffe sehr, Sie haben Recht und die Basis des Regimes ist wirklich sehr klein geworden. Ich habe Kontakt zu Leuten im Iran, aber sie sind wohlhabend und wohl nicht repräsentativ für die ganze Bevölkerung.

    Leider habe ich schon auf mehreren Blogs von Muslimen in Deutschland Artikel gelesen, die die Islamische Republik unterstützen und teilweise die offizielle Propaganda sogar unverdaut wiedergeben. Es ist traurig – wenn ich Muslim wäre, würde ich mich nicht gerne von einem solchen Regime repräsentiert sehen.

    Es ist höchste Zeit, dass die jetzigen Politiker ins Gefängnis kommen und die politischen Gefangenen in die Politik! Und dass Iran ein Land wird, dass die Menschenrechte achtet.
    (Ich würde sehr gerne wieder in den Iran reisen. Im Moment ist es mir zu gefährlich.)

  7. Ich habe yoush nicht weiter kommentiert, weil ich ihn eben für einen Teil des von mir kritisierten Hype halte – bestehend aus Exil-Iranern, die Schah-Zeiten hinterhertrauern, mit dem West-Virus infizierten Studenten und ähnlichen Leuten, die meinen, in einem Iran, der die USA weitmöglich kopiert wäre das Leben besser. Das ist jetzt verkürzt gesagt, aber ich denke, dass es einfach eine Schicht ist, die vorzugsweise im eigenen Saft brät, sowohl im Exil als auch im Iran, und sich für den Nabel der Welt hält – fälschlicherweise. Es ist aber auch die Schicht mit guten Beziehungen zur Auslandspresse, weshalb deren Meinung dort als Mehrheitsmeinung erscheint, in Ignoranz gegenüber den iranischen Massen.

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