Hin- und Hergerissen: Israel

Es hat mich – nein, nicht gefreut, sondern eher erleichtert, zu lesen, dass ich nicht die Einzige bin, die in der israelischen Politik keine grade Linie finden kann. Gordon Levy schreibt in der Haaretz, dass es offensichtlich psychatrischer Beobachtung bedürfe, was dort abgeht:

The psychiatric specialists might be so kind as to try to explain how a country with leaders committed to a two-state solution continues to direct huge budgets toward building more settlements in territories it intends to vacate in the future. What explanation could there be, if not from the psychiatric realm, for a 10-month halt to residential construction in the settlements, to be immediately followed by more construction? How can a country be so tightfisted when it comes to healthcare spending on its citizens, whose poor are getting poorer – and yet when a portion of the roads in the West Bank are already deemed as dangerous, they build more and more roads there leading from nowhere to nowhere?

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They should explain how the state prosecutor can announce his intention to expropriate more privately-owned Palestinian land at the settlement of Ofra – the „largest illegal settlement in the territories“ (in the words of the defense minister’s adviser on settlement issues) – when Prime Minister Benjamin Netanyahu, in his address at Bar-Ilan University last year, explicitly committed not to do so, and President Shimon Peres did more of the same in a meeting with Egyptian President Hosni Mubarak.

They should explain what lies behind the decision to examine annexing Highway 443, which runs through the West Bank, as Israeli territory – as a way of defeating the recent High Court of Justice ruling opening it to Palestinian motorists. How can a country that preaches the rule of law dare outfox the High Court through „bypass“ laws? And how have an insignificant minority – the settlers – sown fear and managed to extort the country for so many years?

Aber vielleicht erklärt dies ja auch, warum nun langsam aber sicher sich Israel einmauert – pervers, irgendwo, wenn man den historischen Kontext sieht. Einmauert? Ja, zu der Mauer zum Westjordanland soll sich nun eine zweite entlang der ägyptischen Grenze gesellen. Warten wirs ab – irgendwann werden sie ihr Land mit Sicherheitszäunen so eingeigelt haben, dass sie sich im selbstgewählten Ghetto wiederfinden. Traurig.

Ebenso traurig: der Stand der Verhandlungen um die Freilassung von Gefangenen gegen den Soldaten Shalit. Nach letzten Informationen hat Isreal wohl zu hoch gepokert und es wird nichts daraus. Wie weit allerdings dort auch der Einfluss der USA zum Scheitern beitrug, wird man wohl nicht erfahren. Auch hier hatten die USA wieder ihre Vorstellungen durchsetzen wollen, um die Fatah zu stützen. Dabei sagt selbst Abbas, dass dies die Verhandlungen von Hamas sind. Hamas hatte wohl einige der Fatah-Leute auf der Liste – aber vielleicht nicht die, die die andere Seite gerne freilassen möchte. Bargouti eventuell – der könnte ein Kompromisskandidat sein, für beide palästinensische Seiten. Dann aber würde Israel eine Ausrede fehlen, man habe keinen passenden Ansprechpartner. Also kein Austausch? Wir werden sehen.

Dabei tuen mir Schalit und seine Familie leid – mehr aber noch die tausenden Gefangenen in israelischen Gefängnissen, darunter auch halbe Kinder. Über deren Behandlung gab es letztens sehr unfreundliche Berichte – auch das ein Thema, das ich weiter beobachten werde:

2 Antworten

  1. Dazu, etwas anekdotisch, meine persönliche Erfahrung:

    Ich war 1970 in Israel, mit einer von der Stadt München und einem Ministerium in Israel organisierten Reisegruppe von ca. 20 Jugendlichen.

    Vorher haben wir alle eine Broschüre der Israelischen Botschaft Bonn bekommen, „Tatsachen über Israel“ hieß sie, glaube ich, und in der gab es eine Karte von Israel. Nur eine Karte, und zwar in dieser Form: Ganz Palästina war EIN Land. Die Grüne Linie (der Zeit 1948-67) war nicht einmal gepunktet eingezeichnet. Hebron zum Beispiel lag auf dieser Karte schlicht in Israel. DAS in einer offiziellen, von der Botschaft herausgegeben Broschüre!

    Das hat mich, den bedingungslosen Israel-Fan, damals schon irritiert. Ich hab dann natürlich auch in Israel selber geschaut. Ich konnte im Jahr 1970 dort keine Karte des Landes bekommen – die alten waren aus dem Handel, neue waren angeblich noch nicht gedruckt … Aber in dem einen oder anderen Bürgermeisteramt oder Kibbuzbüro hing schon eine der neuen Karten von Israel – ein paar Mal konnte ich einen schnellen Blick drauf werfen: dasselbe Bild – keinerlei Markierung der Grünen Linie, Israel = Palästina, bis zum Jordan. (Nur Sinai und die Golanhöhen waren abgegrenzt davon.)

    Ich hab 1970 in den drei Wochen auch Israelis befragt, immer wiede, wohl an die 50 Leute dort: Wird Israel die besetzten Gebiete zurückgeben? – Die Antworten fielen unterschiedlich aus. Praktisch alle meinten, Jerusalem würde als Ganzes natürlich weiter bei Israel bleiben, aber bezüglich der anderen besetzten Gebiete meinten die einen, die würden ganz, die andern, sie würden teilweise zurückgegeben, die dritten (etwa die Hälfte derer, die ich gefragt habe), sagten, das ganze Land sei Israel und man werde gar nichts zurückgeben, und da sei ja auch gar nichts zurückzugeben. Zwischen Marokko und Irak hätten die Araber schließlich genug Platz für die paar Millionen ihrer Landsleute, die jetzt noch in Israel leben würden.

    Das hat meine Irritation vermehrt – und war der zaghafte Anfang meiner grundsätzlichen Zweifel an Israel.

    In den 80er Jahren, als sich die Siedlungspolitik entfaltet hat, ist mir erst deutlich geworden, dass Israel sich alles nehmen wird, und dass dies von Anfang an auch so geplant war. Und dass ein Teil dieses Plans dann ja wohl auch die ethnische Säuberung sein wird.

    Immer noch ein bisschen naiv, hab ich damals in München eine gute Gelegenheit nutzen wollen, darüber mit zwei Israelis zu sprechen … die haben mich umstandslos als Antisemiten bezeichnet.

    Da hab ich erst einmal geschluckt, kein Wort herausgebracht vor Überraschung – und zu Hause hab ich dann festgestellt: Jetzt ist es aus mit meiner Sympathie für Israel, und ich werde Stellung beziehen gegen Israels Expansionspolitik – egal, was mich das kostet.

    Seither wundere ich mich, wie überhaupt jemand glauben kann, Israel meine es ernst mit einem Palästinenserstaat, mit einer Herausgabe von irgendwelchem Territorium, und Israel steuere nicht auf eine Deportation der arabischen Palästinenser hin.

    Auch unter Rabin ging es nur darum, die Welt und die Palästinenser hinzuhalten und währenddessen Fakten auf dem Boden zu schaffen, die am Ende so irreversibel sein würden wie die Grüne Linie von 1948.

    Die Große Deportation wird also kommen. Es ist nur eine Frage der Zeit und der Umstände.

    Ich meine also, anders als Haaretz: Israel handelt nicht schizophren, sondern konsequent auf das Ziel hin, ALLES zu kriegen. Ganz Palästina. Mit nur geringfügigen und zahnlosen Einsprengseln von arabischen Palästinensern.

    Die andere Frage ist: Wird Israel es schaffen?
    Dazu gehört diese wie ich finde recht aktuelle Frage: Wie wird Israel die Umstände herbeiführen, die es ihm erlauben würden, diese Große Deportation erfolgreich durchzuführen?

  2. Danke für die ausführliche Antwort.
    Zu deiner letzten Frage: ich hoffe, nicht so:
    „Tel Aviv is conducting war games in the Negev desert, in what appears to be preparation for a new offensive on the Hamas-run Gaza Strip.

    An Israeli TV channel reported the military drills on Thursday, saying the rightist government led by Prime Minister Benjamin Netanyahu is likely gearing up for a massive attack on Gaza shortly after the anniversary of the deadly Gaza onslaught last year. “
    http://presstv.com/detail.aspx?id=115562&sectionid=351020202

    Das Verhalten der Israelis ist es, was derzeit jede Aussicht auf Frieden verhindert – auch wenn sie sich immer gerne über die Hamas beschweren, die sind imstande, sich in die andere Richtung zu bewegen:
    „Far from impulsive and unexpected, Hamas’ shift reflects a gradual evolution occurring over the past five years. The big strategic turn occurred in 2005, when Hamas decided to participate in the January 2006 legislative elections and thus tacitly accepted the governing rules of the Palestinian Authority (PA), one of which includes recognition of Israel. Ever since, top Hamas leaders have repeatedly declared they will accept a resolution of the conflict along the 1967 borders. The Damascus-based Khaled Meshal, head of Hamas’ political bureau and considered a hardliner, acknowledged as much in 2008. „We are realists,“ he said, who recognize that there is „an entity called Israel.“ Pressed by an Australian journalist on policy changes Hamas might make, Meshal asserted that the organization has shifted on several key points: „Hamas has already changed — we accepted the national accords for a Palestinian state based on the 1967 borders, and we took part in the 2006 Palestinian elections.“

    Another senior Hamas leader, Ghazi Hamad, was more specific than Meshal, telling journalists in January 2009 that Hamas would be satisfied with ending Israeli control over the Palestinian areas occupied in the 1967 war — the West Bank, Gaza and East Jerusalem. In other words, Hamas would not hold out for liberation of the land that currently includes Israel.“
    http://www.voltairenet.org/article163514.html

    Hochinteressanter Artikel – solltest du unbedingt lesen. Über die Hamas wird meist ja nur Unsinn geschrieben.

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