Legale Diskriminierung – diesmal: Burka

Die Versuche, Volkes Stimme (ich will ja nicht bös sein und „gesundes Volksempfinden dazu sagen) in Gesetzesform zu fassen, nehmen zu.

Es begann mit den diversen Kopftuch-Verbotsgesetzen, für Schülerinnen in Frankreich,  für Lehrerinnen und teilweise andere öffentlich Bedienstete in Deutschland, setzte sich im November in der Schweiz mit der Anti-Minarett-Entscheidung fort und treibt nun neue Blüten.

Was ist am Einfachsten? Wenn man bei den Schwächsten anfängt. Und das sind oft muslimische Frauen und Mädchen.

Also kommen jetzt – Burka-Verbote, zunächst in Frankreich und Österreich in die ernsthafte Diskussion.

In Frankreich will man Zuwiderhandlung mit 750,00 € bestrafen – jedesmal, wenn die Frau auf die Straße geht?

Und: wirklich nur für Burkas? Denn da kommt das nächste Problem, ebensowenig wie die Presse ist da die Politik immer so richtig definitionssicher. Die Burka ist die in Afghanistan übliche Form, vom Kopf herabfallender Stoff, meist in hellblau. Die allerdings gibt es in Europa fast überhaupt nicht – geschweige denn ca. 2000 in Frankreich. Also meint man auch die Gesichtsverschleierung, den Niqab? Aber wird das dann im Gesetz auch eindeutig ausgedrückt?

Soweit reicht noch meine Ironie, aber im Ganzen ist diese Idee eine billige Bedienung populistischer Elemente. Ich glaube nicht, dass EINE Frau deshalb ihren Gesichtsschleier weglassen wird – sie wird vielmehr zu Hause bleiben. Die Idee alleine ist wirklich nur ekelhaft.

Leider hat im Vorfeld ein Scheich der Al-Azhar sich auch gegen die Gesichtsverschleierung ausgesprochen, allerdings innerhalb der Fakultät – wo es praktisch nur Frauen gibt. Dies als Anmerkung, weil ich davon ausgehe, dass diese Ägyptische Diskussion hier irgendwo fröhlich Urständ feiern wird.

Warum setzte ich mich für den Gesichtsschleier, besser gesagt, für die Frauen, die ihn tragen, ein? Ich bin nicht der Auffassung, dass er – im Gegensatz zum Hijab – Pflicht sei. Aber es ist das Recht dieser Frauen, meiner Schwestern im Islam, das anders zu sehen – es gibt islamisch-rechtliche Begründungen, denen man durchaus folgen kann. Ich habe das früher anders gesehen, aber gerade ein Nichtmuslim machte mich darauf aufmerksam, dass ich dann genauso handeln würde, wie die Muslimas ohne Kopftuch, die mir sagen wollen, ich könnte meins doch abziehen – das hat gesessen. Daher bin ich nun auch die Advokatin dieser Schwestern, die oft keine Stimme in der Öffentlichkeit haben, sondern noch von anderen Muslimen getadelt werden, weil sie schlechte PR seien.

Das ist der eine Grund, warum ich diesen Artikel schreibe, mich an dieser Debatte, die mich nicht selbst trifft, beteilige. Der andere Grund ist eher strategischer Natur: wehret den Anfängen! Diesmal trifft es eine relativ kleine, schwächere Gruppe, aus einem Grund, der islamisch nicht von der großen Mehrheit der Gelehrten verteidigt wird.

7 Antworten

  1. […] Legale Diskriminierung – diesmal: Burka Quelle: Alien in Europe […]

  2. Ich überlege gerade: In Zeiten der Schweinegrippe kann das Verbergen des Gesichts hinter einer OP-Maske wohl kaum verboten werden. Wie soll da ein Burka-Verbot gerechtfertigt werden?

  3. Ich persönlich finde die Burka als Kleidungsstück abartig, pervers. Aber wäre das ein Grund, mir zu wünschen, dass sie verboten wird?

    Es ist nichts Gefährliches an der Burka. So wenig wie zum Beispiel an Stöckelschuhen mit Pfennigabsätzen, oder an Arschhänger-Jeans und gepiercten Nasen. Froschgrüne Haare – rechtlich ok, Burka – strafbar?

    „Aber da kann man das Gesicht nicht sehen“? – Na und! Muss man das? Warum kein Gesetz gegen undurchdringliche Sonnenbrillen?

    Es muss uns nicht gefallen, was andere Leute meinen tragen zu müssen. So lange sie niemand anderen damit gefährden und einen gewissen Minimalanstand einhalten, darf ein Kleidungsstück nicht verboten werden. Solche Toleranz entspricht unseren Werten und Normen.

    Wenn die Burka verboten wird, verstößt das gegen unsere eigenen kulturellen Standards. Es ist unmissverständlich ein Akt der Diskriminierung.

    So fängt man mit kleinen Dingen an, Burka, Minarett — und wo endet es?

    Wie du schreibst, alien: Wehret den Anfängen!

    Aber ich fürchte, wir sind nicht viele genug, um den Anfängen erfolgreich zu wehren. Die Barbarei ist attraktiver als die Aufklärung – jedenfalls für unsere gestressten Zeitgenossen, die zu viel Frust abzureagieren haben und einfach irgend ein Opfer brauchen.

    Ein – nicht ganz ernst gemeinter – Trost: Bis in 10 Jahren lösen vielleicht die Chinesen die Muslime als Buhmann und Angstmacher ab. Es könnte sein, dass wir sozusagen aus energiewirtschaftlichen Gründen gezwungen sein werden, die Muslime zu umwerben, weil China im Nahen Osten wohl bald anfangen wird, sich als Alternative zum Westen anzubieten.
    (Könnte auch sein, dass wir dann einen Doppelten Buhmann kriegen und böse Chinesen und böse Muslime in einen Topf geschmissen werden.)

    Äh. Wie bin ich denn jetzt von der Burka auf China gekommen?

  4. Da hast du schon recht viel Interessantes und Nützliches gesagt.
    Zufällig las ich heute morgen eine ganz andere Sicht auf das Problem, von Tariq Ramadan:
    „This is a society that has doubts about itself,” Tariq Ramadan told a parliamentary panel mulling a burka ban Wednesday, December 2, reported Agence France-Presse (AFP).

    „This debate surrounding the burka bothers me,“ said the Swiss-born scholar.

    „Because in the end, this is not the question that needs to be raised.

    „The real problem is that when you have a name that is a bit Arab-sounding, or Muslim by affiliation, you are not going to get a job or you are not going to get an apartment,“ he said.

    The Paris-based anti-racism group SOS-Racism said recently that some French recruitment companies are applying racist policies and ethnic profiling in hiring, filtering out non-white candidates.

    A 2007 UN fact-finding mission warned that France’s ethnic minorities are trapped in social and economic „ghettos“ because of an „insidious racism“ tolerated by politicians.“

    http://www.islamonline.net/servlet/Satellite?c=Article_C&pagename=Zone-English-News/NWELayout&cid=1258880692245

  5. […] hatte ja bereits vor einiger Zeit meine Position dazu dargelegt – was jetzt in Planung ist, erscheint mir nur noch perfider. Hier wird die […]

  6. […] Alien Legale Diskriminierung – diesmal: Burka […]

  7. „Die Versuche, Volkes Stimme (ich will ja nicht bös sein und „gesundes Volksempfinden dazu sagen) in Gesetzesform zu fassen, nehmen zu.

    Es begann mit den diversen Kopftuch-Verbotsgesetzen, für Schülerinnen in Frankreich,  für Lehrerinnen und teilweise andere öffentlich Bedienstete in Deutschland, setzte sich im November in der Schweiz mit der Anti-Minarett-Entscheidung fort und treibt nun neue Blüten.“

    Aktionismus – zur Begründung der Daseinsberechtigung der jeweiligen Politiker und zur Ablenkung von Grausamkeiten, die man im selben Moment gegen die Leute ins Werk setzt, die um die besorgt zu sein man mit der Beackerung solcher Nebenkriegsschauplätze vorgibt.

    Alle vier Jahre braucht man dafür in Deutschland keine Muslime, weil die deutsche Nationalmannschaft bei der Fußball-WM nicht schon in der Vorrunde rausfliegt. Es ist immer wieder interessant zu sehen, was in der Zeit so alles Gesetz wird.

    „Was ist am Einfachsten? Wenn man bei den Schwächsten anfängt. Und das sind oft muslimische Frauen und Mädchen.“

    Teile und Herrsche sowie Salamitaktik – immerhin finden sich auf den verschiedenen Plattformen immer wieder ganz pfiffige Zeitgenossen, die sich nicht daran erinnern können, daß es in Europa schon Taschendiebstähle und Raubüberfälle gab, lange bevor einheimische Konvertiten der allgemeinen Fleischbeschau überdrüssig wurden.

    Da die vorgeschobenen Positiveffekte allesamt nicht eintreten werden, nachdem man den Leuten alternativ Hausarrest oder Auswanderung nahelegte, halten dieselben Gründe dann dafür her, die nächste Scheibe abzuschneiden.
    Die – für Außenstehende – erstaunliche Unsolidarität innehalb der Glaubensgemeinschaft tut dazu ein Übriges. Wer seine POsitionen in vorauseilendem Gehorsam aufgibt, muß sich nicht wundern, vom Gegenüber nicht ernstgenommen zu werden.

    „Also kommen jetzt – Burka-Verbote, zunächst in Frankreich und Österreich in die ernsthafte Diskussion.
    In Frankreich will man Zuwiderhandlung mit 750,00 € bestrafen – jedesmal, wenn die Frau auf die Straße geht?“

    Vermutlich. In Italien kostete der Besuch des Postamtes in einem Falle „nur“ 500 Euro. Und in dem Falle ist es allgemein bekannt geworden, daß das ein quasi behördlich verhängter Hausarrest für die Frau wurde. Da man sich an der Erkenntnis nicht weiter störte und die Regelungen trotzdem weiter kodifiziert bzw. durchsetzt, ist davon auszugehen, daß das den eigentlichen Sinn der Übung darstellt. Frauen heim an den Herd zu schicken, ist ja ein Konzept, welches maßgeblichen Leuten auch hierzulande nicht völlig fremd ist.

    „Und: wirklich nur für Burkas? Denn da kommt das nächste Problem, ebensowenig wie die Presse ist da die Politik immer so richtig definitionssicher.“

    Darum geht es gar nicht. Würden Muslime auf Ringelstrümpfe wert legen, würde man eben diese ächten.
    Der Michel braucht jemanden, um sich selbst nicht gar zu schlecht zu fühlen, auf den er herabblicken kann. Da das alles nicht wirklich neu ist, wissen wir, daß es perspektivisch nicht bei einer religiös definierten Gruppe bleiben wird. Zum Schluß traf es dann bspw. auch Gewerkschafter und Sozialdemokraten.

    „Die Burka ist die in Afghanistan übliche Form, vom Kopf herabfallender Stoff, meist in hellblau. Die allerdings gibt es in Europa fast überhaupt nicht – geschweige denn ca. 2.000 in Frankreich. Also meint man auch die Gesichtsverschleierung, den Niqab? Aber wird das dann im Gesetz auch eindeutig ausgedrückt?“

    Nein. Wozu? Zur Qualität der französischen Gesetzgebung kann ich zwar nichts sagen, aber die der deutschen ist nicht nur auf einigen Gebieten legendär. Da sind die Richter schon zufrieden, wenn sie erahnen können, was der Gesetzgeber gewollt haben könnte.

    „Soweit reicht noch meine Ironie, aber im Ganzen ist diese Idee eine billige Bedienung populistischer Elemente. Ich glaube nicht, dass EINE Frau deshalb ihren Gesichtsschleier weglassen wird – sie wird vielmehr zu Hause bleiben. Die Idee alleine ist wirklich nur ekelhaft.“

    Sicher. Aber die anderen Regelungen zur Reduzierung der Sozialausgaben sind es nicht minder.

    „Leider hat im Vorfeld ein Scheich der Al-Azhar sich auch gegen die Gesichtsverschleierung ausgesprochen, allerdings innerhalb der Fakultät – wo es praktisch nur Frauen gibt.“

    Das ist der Punkt. Die Uneinigkeit der Muslime untereinander – und hiermit meine ich nicht die Tatsache, daß nicht alle Muslimah Gesichtsschleier tragen, sondern daß man auch seitens der Glaubensbrüder den Niqabis in den Rücken fällt, leistet solchen Entwicklungen natürlich Vorschub.

    „Warum setzte ich mich für den Gesichtsschleier, besser gesagt, für die Frauen, die ihn tragen, ein? Ich bin nicht der Auffassung, dass er – im Gegensatz zum Hijab – Pflicht sei. Aber es ist das Recht dieser Frauen, meiner Schwestern im Islam, das anders zu sehen – es gibt islamisch-rechtliche Begründungen, denen man durchaus folgen kann. Ich habe das früher anders gesehen, aber gerade ein Nichtmuslim machte mich darauf aufmerksam, dass ich dann genauso handeln würde, wie die Muslimas ohne Kopftuch, die mir sagen wollen, ich könnte meins doch abziehen – das hat gesessen.“

    Religionsfreiheit wäre, tatsächlich ernst genommen, unteilbar. Es geht nicht an, daß dieser nur die-/derjenige in Anspruch nehmen darf, der dasselbe glaubt wie ich. Habe ich den Hintergrund der Geschichte richtig verstanden, so gibt der Koran den Muslimen oft nur allgemeine Zielvorgaben und sie müssen mit ihrem Gewissen selbst entscheiden, wie sie diese erreichen. Dabei haben ihnen weder der Staat noch seine Bürger (also per se auch nicht andere Muslime) dreinzureden.

    „Daher bin ich nun auch die Advokatin dieser Schwestern, die oft keine Stimme in der Öffentlichkeit haben, sondern noch von anderen Muslimen getadelt werden, weil sie schlechte PR seien.“

    Schlechte PR? Ein interessanter Aspekt. Zum einen sind die Regeln, wonach sich Muslime nur ihrem Gott verantwortlich fühlen sollen, für Außenstehende nicht gerade anziehend. Zum anderen kann ich mich nicht daran erinnern, daß irgendwelche Christen bei mir um Erlaubnis für irgendetwas nachgesucht oder sich nach meinem Befinden in Bezug auf ihr Tun erkundigt hätten (daran, daß diese letztlich auch machen, was sie wollen, nimmt nur – derzeit – keiner Anstoß). Insofern stellt sich die Frage, was man denn notwendig als „gute PR“ ansehen könnte.

    „Das ist der eine Grund, warum ich diesen Artikel schreibe, mich an dieser Debatte, die mich nicht selbst trifft, beteilige.“

    Man soll nie „nie“ sagen.

    „Der andere Grund ist eher strategischer Natur: wehret den Anfängen! Diesmal trifft es eine relativ kleine, schwächere Gruppe, aus einem Grund, der islamisch nicht von der großen Mehrheit der Gelehrten verteidigt wird.“

    „Teile und Herrsche“ basiert auf der Erkenntnis, daß man durch Abspaltung und Eliminierung einer schwachen Gruppe die nächste soweit schwächt, daß mit ihr dann dasselbe Spiel getrieben werden kann.

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