Ägpyten – warum?

Ägpyten ist ein hauptsächlich muslimisches Land. Die Ägypter sind die nächsten Nachbarn und Brüder der Palästinenser. Auch wenn man sich, so wie vielleicht zwischen Deutschen und Holländern, nicht immer ganz grün ist, besteht doch keine Feindschaft. Der einfache Ägpyter auf der Straße würde kaum eine Hand gegen Gaza erheben wollen.

Was aber tut die ägpytische Regierung? Sie behandelt nicht nur die Teilnehmer des Viva-Palästina-Zugs schlechter als die Israelis, behindert den Konvoi, deportiert George Galloway, das ist übel und sieht mies aus, trifft aber die Menschen in Gaza nur teilweise.

Viel schlimmer ist der Bau der Mauer an der ägyptischen Grenze zu Gaza. Seit Beginn der israelischen Blockade kam wenigstens auf dem Schmuggelweg durch die Tunnel das Lebensnotwendigste nach Gaza. Nun aber will Ägpyten eine Mauer in die Erde versenken, um auch die Tunnel zu sperren. Das bedeutet, dass nicht nur auch weiter die Häuser und die Infrastruktur nicht wieder wird aufgebaut werden können, nicht genug Medikamente hereinkommen, sondern ich fürchte, es wird der blanke Hunger werden, der sich dort ausbreitet.

Uri Avneri  hat sich auf seiner Website Gedanken über die Gründe für dieses unglaubliche Handeln der ägyptischen Machthaber gemacht:

Es gibt mehrere Erklärungen. Zyniker weisen daraufhin, dass die ägyptische Regierung jedes Jahr einen riesigen amerikanischen finanziellen Zuschuss erhält – fast zwei Milliarden Dollar – freundlicherweise mit israelischer Zustimmung. Es begann als Belohnung für den ägyptisch-israelischen Friedensvertrag. Die Pro-Israel-Lobby im US-Kongress kann dies jederzeit stoppen.

Andere glauben, dass Mubarak sich vor der Hamas fürchtet. Die Organisation begann als palästinensischer Zweig der Muslim-Bruderschaft, die noch immer die Hauptopposition seines autokratischen Regimes ist. Die Kairo-Riadh-Amman-Ramallah-Achse steht gegen die Damaskus-Gaza-Achse, die mit der Teheran-Hisbollah-Achse verbunden ist. Viele Leute glauben, Mahmoud Abbas sei daran interessiert, die Gazablockade noch enger zu ziehen, um die Hamas zu schädigen.

Mubarak ist ärgerlich über die Hamas, die sich weigert, nach seiner Flöte zu tanzen. Wie seine Vorgänger, erwartet er, dass die Palästinenser seinen Befehlen gehorchen. Präsident Abd-al-Nasser war über die PLO verärgert (eine Organisation, die von ihm geschaffen worden war, damit die Ägypter die Kontrolle über die Palästinenser hätten, die sich ihm aber entzogen, als Arafat sie übernahm). Präsident Anwar Sadat war über die PLO verärgert, weil sie das Camp-David-Abkommen zurückwies, das den Palästinensern nur „Autonomie“ versprach. Wie können es die Palästinenser – ein kleines, unterdrücktes Volk – wagen, den „Rat“ des „großen Bruders“ auszuschlagen?

All diese Erklärungen sind verständlich, doch die ägyptische Haltung ist doch erstaunlich. Die ägyptische Blockade des Gazastreifens zerstört das Leben von 1,5 Millionen Menschen, Männern und Frauen, alten Leuten und Kindern, von denen die meisten keine Hamas-Aktivisten sind. Es geschieht öffentlich vor den Augen der Hundert Millionen Araber, vor 1,25 Milliarden Muslimen. In Ägypten selbst schämen sich Millionen Menschen, dass sich ihr Land am Aushungern der arabischen Brüder beteiligt.

Es ist eine sehr gefährliche Politik. Warum folgt ihr Mubarak ?

DIE WIRKLICHE Antwort ist wahrscheinlich: er hat keine andere Wahl.

Ägypten ist ein sehr stolzes Land. Jeder, der einmal in Ägypten war, weiß, sogar die ärmsten Ägypter sind voller Nationalstolz und sind leicht beleidigt, wenn ihre nationale Würde verletzt wird. Das wurde vor ein paar Wochen deutlich, als Ägypten ein Fußballspiel gegen Algerien verlor und sich benahm, als hätte es einen Krieg verloren.

„Denk daran, dass von der Spitze der Pyramiden 40 Jahrhunderte auf euch herunterschauen,“ soll Napoleon seinen Soldaten am Vorabend der Schlacht von Kairo gesagt haben. Jeder Ägypter fühlt, dass 6000 – einige sagen 8000 – Jahre Geschichte ständig auf ihn herabschauen.

Dieses tiefe Gefühl stößt in einer Zeit mit der Realität zusammen, in der Ägyptens Situation immer miserabler wird. Saudi Arabien hat mehr Einfluss; das winzige Dubai wird ein internationales Finanzzentrum; der Iran wird eine weit bedeutendere Regionalmacht. Im Gegensatz zum Iran, wo die Ayatollahs die Familien aufgerufen haben, sich mit zwei Kindern zu begnügen, verschlingt die ägyptische Geburtenrate alles und verurteilt das Land zu permanenter Armut.

In der Vergangenheit gelang es Ägypten, seine interne Schwäche mit externen Erfolgen auszugleichen. Die Welt betrachtete Ägypten als den Führer der arabischen Welt und behandelte es entsprechend. Nun nicht mehr.

Ägypten ist in einer schlimmen Lage. Deshalb hat Mubarak keine andere Wahl, als den Diktaten der USA zu folgen – die praktisch wiederum israelische Diktate sind. Das ist die wirkliche Erklärung seiner Beteiligung an der Blockade.

Das ist sicher alles zumindest zum Teil richtig. Wenn er jedoch im Folgenden meint, die Ägypter wären zu geduldig, um zu revoltieren, denke ich, unterschätzt er sie. Mubarak und seine Vorgänger haben sich nicht umsonst ständig bemüht, jeden aufkommenden Anführer der Massen schnellstens zu verhaften und sei es zu entmutigen, sei es zu töten. Auch jetzt, wo ich dies schreibe, sind die ägpytischen Gefängnisse voller Männer, die das Format hätten, gegen die derzeitige Handlungsweise des Regimes zu protestieren und andere anzuführen. Die Welt macht sich mitschuldig, wenn sie weiter dazu schweigt – weil das abhängige Mubarak-Regime ja für den Westen viel bequemer ist.

UPDATE:

Wenn nicht diese Mauer, erbaut mit US-Hilfe, der Tropfen ist, der das Fass zum Überlaufen bringt. Ein Parlamentsmitglied, und nicht irgendeines, sondern Talaat Sadat, ein Neffe des ehemaligen Präsidenten, Mitglied im Ausschuss für Verteidigung und Nationale Sicherheit, soll wegen dieses in seinen Augen illegalen Bauwerks zurückgetreten sein.

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