Gazas traumatisierte Kinder – eingesperrt, vergessen

 

AUTOR:   Schattenblick

 

 

Die ehemalige Oberstabsärztin der Bundeswehr, Heike Groos, war 2003 in Afghanistan daran beteiligt, den Überlebenden eines Anschlags auf die Bundeswehr, bei dem vier Soldaten starben, erste Hilfe zu leisten. Sie hat ihre Erfahrungen in dem Buch „Ein schöner Tag zum Sterben“ niedergeschrieben und schilderte im Deutschlandfunk (25.09.2009), wie sehr sie dieser blutige Vorfall psychisch mitgenommen hat. Zuerst habe sie über eine lange Zeit nichts bemerkt, doch „dann, in einer Phase der Ruhe und als ich mich sicher und stabil fühlte, da brach das auf einmal dann über mich herein und ich war ganz, ganz schrecklich traurig. Ich hatte Schmerzen überall, richtig körperliche Schmerzen und war antriebslos, ich konnte mich zu gar nichts aufraffen, ich konnte nicht mal duschen gehen, geschweige denn einkaufen, kochen, das Haus putzen. Und das Schlimmste war eigentlich: Ich konnte keine anderen Menschen um mich ertragen, nicht mal meine besten Freunde. Ich wollte niemand um mich haben, gerade mal meine Kinder, aber mehr nicht.“

Foto Jörg SteinmetzHeike Groos wurde Opfer einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS), einer behandlungsbedürftigen psychischen Symptomatik, unter der eine wachsende Anzahl von Bundeswehrsoldaten leidet. Das Thema wurde mit der Ausstrahlung des Fernsehfilms „Willkommen zu Hause“, in dem ein junger Bundeswehrsoldat nach der Rückkehr aus Afghanistan aufgrund seiner Traumatisierung in Konflikte mit seinem sozialen Umfeld gerät, im Februar 2009 einem breiteren Publikum bekannt. Die daraufhin in den Medien entbrannte Diskussion um die psychischen Probleme von Kriegsheimkehrern mündete in politische Forderungen nach einer Verbesserung der psychotherapeutischen Versorgung der Betroffenen.

Wenn schon gut versorgte und ausgebildete Soldaten unter psychischen und psychosomatischen Auswirkungen der Kriege zu leiden haben, in die sie geschickt werden, wie muß es dann der sehr viel verletzlicheren Zivilbevölkerung ergehen? Darüber ist weit weniger in Erfahrung zu bringen als über die Probleme der Besatzungstruppen in Afghanistan, zumal die meisten Menschen des Landes tagtäglich um ihr bloßes materielles Überleben kämpfen müssen. Das gilt auch für die 1,5 Millionen Bewohner Gazas, die nicht nur unter den Nachwirkungen des zerstörerischen Angriffs der israelischen Streitkräfte vor einem Jahr zu leiden haben, sondern deren Gebiet weiterhin einem großen Gefängnis gleicht, in dem nicht einmal die Schäden der umfassenden Bomben- und Raketenangriffe behoben werden können, da weder Israel noch Ägypten die dafür erforderlichen Hilfsgüter passieren lassen.

Im Bewußtsein der Bundesbürger fast völlig ausgeblendet ist die Tatsache, daß es sich bei mehr als der Hälfte der Bewohner Gazas um Kinder handelt. Die Auswirkungen eines mehrwöchigen Bombardements, in dem jeder Bewohner des kleinen Gebiets zu jeder Zeit von einer Bombe, Rakete oder Kugel getroffen werden konnte, auf die mentale Verfassung von Kindern dürfte sich dem Vorstellungsvermögen der meisten Deutschen, die nicht mehr zu der Generation gehören, die die Schrecken des Bombenkriegs erlebt haben, entziehen.

Schon vor dem letzten großen Überfall auf Gaza mußten laut einer Erhebung der kanadischen Queen’s University aus dem Jahr 2006 98 Prozent der Kinder in Gaza traumatisierende Erfahrungen machen, die einem mitteleuropäischen Heranwachsenden meist erspart bleiben. Sie wurden mit Tränengasgranaten, mit von Kunsstoff ummantelten Kugeln, die schwere Verletzungen hervorrufen können, oder scharfer Muntion beschossen. Die Häuser ihrer Familien wurden von israelischen Soldaten durchsucht, zum Teil verwüstet oder zerstört. Sie mußten mitansehen, wie ihre Eltern gedemütigt und mißhandelt wurden. Sie mußten regelrechte Kriegshandlungen miterleben und wurden selbst verletzt, gefangengenommen und gefoltert. An dieser Situation permanenter Bedrohung hat sich nach dem Rückzug der israelischen Siedler und Soldaten im Sommer 2005 praktisch nichts geändert. Israelische Streitkräfte drangen regelmäßig in den Gazastreifen ein, Kampfhubschrauber feuerten Raketen auf angebliche Terroristen ab, Artilleriebeschuß und Bomben taten ein übriges dazu, nicht nur Kämpfer, sondern auch Zivilisten umzubringen. Ein- und Ausreise sind spätestens seit Juni 2007, als der Machtkampf zwischen Hamas und Fatah zugunsten der 2006 gewählten Partei entschieden wurde, unmöglich. All das wird begründet mit palästinensischen Raketen, die im israelischen Grenzgebiet meist wirkungslos verpuffen und hinsichtlich des dennoch angerichteten Schadens um ein Hundertfaches vergolten werden.


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Unter den Toten des Bombardements vor einem Jahr befanden sich über 350 Kinder. Über 1800 Kinder wurden verletzt, etwa 500 trugen dabei lebenslange Schäden und Behinderungen davon. Die Traumatisierung durch den wochenlangen Beschuß scheint kein Kind ausgelassen zu haben, was nicht erstaunen kann, wenn man die Enge ihrer Lebensverhältnisse und die Unmöglichkeit, der Zerstörungsgewalt der Aggressoren durch Flucht in den Raum auszuweichen, bedenkt. Berichte von Kindern, die unter schwerwiegenden Störungen wie nächtlichem Bettnässen, Schlaflosigkeit, Panikattacken, völliger Regression in die Sprachlosigkeit leiden, die das Haus nicht mehr verlassen wollen, weil sie befürchten, ihre Familie nicht mehr wiederzusehen, oder die sich vom Verlust ihrer Eltern oder Geschwister nicht mehr erholen, dringen mitunter durch, werden hierzulande aber nicht annähernd so publik gemacht wie etwa die psychischen Probleme deutscher Soldaten in Afghanistan.

Die Bundesregierung hat nicht das mindeste Interesse daran, den Verbündeten Israel durch Forderungen nach einer Verbesserung der Lage in Gaza in Schwierigkeiten zu bringen. Sie hat, ganz im Gegenteil, die Isolation der Hamas und die daraus resultierende Blockade Gazas zum Bestandteil der eigenen Regierungspolitik gemacht. Ein Ergebnis dessen besteht darin, daß die Aktivistinnen und Aktivisten des Gaza Freedom March keinerlei Unterstützung durch die Bundesregierung erhielten.

Nun mußte die deutsche Delegation dieses großangelegten Versuchs, die Blockade Gazas zu durchbrechen oder zumindest internationale Aufmerksamkeit für die unverminderte Drangsalierung der Palästinenser zu wecken, erleben, daß der Versuch von vier Ärzten und einer auf Psychotherapie spezialisierten Krankenschwester aus Deutschland, nach Gaza einzureisen und dort medizinische Hilfe zu leisten, vom Auswärtigen Amt in Berlin behindert wurde [siehe Auswärtiges Amt lehnt Unterstützung für humanitären Einsatz von deutschen Ärzten in Gaza ab]. Da die Helferinnen und Helfer sich unter anderem vorgenommen hatten, die Leiden der traumatisierten Kinder zu lindern, ist die Behauptung des Außenministeriums, man könne ihnen das gewünschte Empfehlungsschreiben für die Einreise in den Gazastreifen aufgrund der für dieses Gebiet ausgestellten Reisewarnungen nicht ausstellen, an Zynismus kaum zu überbieten.

Wenn schon eine Bundeswehrsoldatin, die Zeugin eines Anschlags auf ihre Kameraden wird, schwerwiegende Beeinträchtigungen ihres psychischen Wohlbefindens erleidet, wie wird es wohl Kindern ergehen, die nichts als Krieg und Zerstörung, als Armut und Hunger kennen? Wenn an die Bundesbürger appelliert wird, das Schicksal der in Afghanistan traumatisierten Bundeswehrsoldaten zur Kenntnis zu nehmen, während man sie über die Probleme der Kinder in Gaza weitgehend in Unkenntnis läßt und sogar den Versuch engagierter Bundesbürger, auf eigene Faust Hilfe zu leisten, torpediert, dann hat man es mit einem signifikanten Merkmal imperialistischer Kriege zu tun. Um für diese unter der Bevölkerung Akzeptanz zu schaffen, gefallen sich Politiker darin, mehr materielle und mentale Unterstützung der eigenen Soldaten zu fordern. Geht es um die Probleme der von der eigenen Kriegführung oder der verbündeter Staaten betroffenen Menschen, dann ist man vor allem mit Beschwichtigung beschäftigt.


Der kleine Mohamed Baalusha (15 Monate) mit seiner Mutter Samera  bei der Veerdigung seiner fünf Scwhestern im Flüchtlingslager Jabaliya, im Norden Gazas, am 29.12.2008.

Je weniger die von militärischer Aggression Betroffenen in Erscheinung treten, desto wirksamer kann verhindert werden, daß das schlichte Mitgefühl, das der Mensch entwickeln kann, wenn andere Menschen unter Gewalt, Mangel und Unrecht leiden, in politische Forderungen an die eigene Regierung mündet. Im Falle Afghanistans beträfen diese den sofortigen Abzug der Bundeswehr, um anstelle dessen effiziente Hilfe zur Linderung der materiellen Not der Bevölkerung des Landes zu leisten. Im Falle Palästinas ginge es im mindesten um die Einstellung jeglicher materiellen wie politischen Unterstützung der Besatzungspolitik Israels. Weitergehende Schritte wie die Strafverfolgung der für Kriegsverbrechen verantwortlichen israelischen Politiker und Militärs und den Einsatz wirksamer Sanktionen gegen das Land lägen auf der Strecke einer Außenpolitik, die völkerrechtliche Grundsätze und humanistische Werte nicht nur dann zu ihrem Credo erklärt, wenn sie ihren strategischen Interessen dienen.

 

Heike Groos, Ein schöner Tag zum Sterben, Krüger Verlag, 270 S. ISBN-10: 3-8105-0877-2.ISBN-13: 978-3-8105-0877-5. € (D) 18,95 | € (A) 19,50 | SFR 33,90



 

Quelle: Schattenblick

Originalartikel veröffentlicht am 11.1.2010

Über den Autor

Schatteblick ist ein Partner von Tlaxcala, dem internationalen Übersetzernetzwerk für sprachliche Vielfalt. Diese Übersetzung kann frei verwendet werden unter der Bedingung, daß der Text nicht verändert wird und daß sowohl der Autor als auch die Quelle genannt werden.

URL dieses Artikels auf Tlaxcala: http://www.tlaxcala.es/pp.asp?reference=9848&lg=de

Anmerkung:

Ich habe wegen des copyrights diesen Beitrag so wie erlaubt komplett übernernommen, weil ich eigentlich seit Tagen nach Material für einen ähnlichen suchte, dieser aber so gut ist, wie ich ihn wohl nicht hätte schreiben können.

Deutschland als Verfolgerstaat

Die USA gewähren einer deutschen Familie Asyl, die ihre Kinder zu Hause unterrichten wollte und daher mit Geldstrafen und dem Entzug des Sorgerechts bedroht wurde. Das ist ja kein Einzelfall, dank der bereits vom UN-Sondergesandten Munoz beklagten rigiden Durchsetzung der deutschen Schulpflicht.

Das amerikanische Einwanderungsgericht stellt auch auf die Verfolgung der Homeschooler als Gruppe ab, ohne dabei sonderlich auf die religiöse Begründung der Eltern einzugehen. Das halte ich für stringend, und eine Ohrfeige zu diesem Thema war lange überfällig, nachdem man ja dickfellig nicht auf den Report Munoz‘ reagierte (nicht nur bei dieser Frage).

Der Kommentarmob im dazu geschalteten SPON-Forum tobt sich mal wieder aus, nur wenige vernünftige Stimmen sind noch zu hören. Der Mangel an Faktenwissen ist dabei wie üblich eklatant, kaum jemand dort weiß, dass viele europäische Staaten ebenfalls eine Schulpflicht mit Anwesenheitszwang nach deutschem Muster nicht kennen und ablehnen – u.a. Frankreich und Österreich. Dort besteht Unterrichtspflicht – dh, am Ende jeden Schuljahres müssen die Kinder, die keine öffentliche oder anerkannte Schule besuchen, eine Prüfung ablegen. Wie und wo sie dieses Wissen erwerben, ist Sache der Eltern. Aber Deutschland weigert sich ja standhaft, solche Möglichkeiten in Betracht zu ziehen.

Ich hätte der Familie auch den einfacheren, kürzeren Weg nach Österreich geraten, aber das nun ergangene Urteil lässt mich doch sehr schadenfroh schmunzeln. Die Resonnanz in der Presse ist erheblich – google warf mal eben 189 Fundstellen raus. Mag sein, dass es noch von der nächsten Instanz kassiert wird, aufgrund diplomatischer Rücksichten – aber diese Beurteilung der deutschen „Kindeswohlszene“ ist erst mal in der Welt.

Noch ein überflüssiges Verbotsgesetz? – „Burka“, die nächste

In Frankreich scheint man tatsächlich keine größeren Sorgen zu haben, als weiter muslimische Frauen zu diskriminieren oder zu belästigen – die Drohung, wirklich ein Gesetz gegen die Vollverschleierung, oft verkürzend und falsch mit „Burka“ bezeichnet, soll wohl wahr gemacht werden. Heute finden weitere Beratungen statt – statt eines juristisch eventuell bedenklichen Generalverbotes sollen wohl eine Reihe von Einzelmaßnahmen den verschleierten Frauen das Leben so ungemütlich wie möglich machen, wie z.B. die Verweigerung der Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel. Ebenso den Zutritt zu Krankenhäusern, Behörden und Schulen.

Mal abgesehen von rechtlichen Fragen – wem nutzt das? Was soll das überhaupt? Die Religionsgemeinschaften haben sich einhellig dagegen ausgesprochen, bzw. sich enthalten (die jüdische Glaubensgemeinschaft).

Ich hatte ja bereits vor einiger Zeit meine Position dazu dargelegt – was jetzt in Planung ist, erscheint mir nur noch perfider. Hier wird die völlige Ausgrenzung einer kleinen Gruppe religiöser Frauen geplant. Auch wenn man anscheinend jetzt davon absehen will, sie jedesmal mit einer Geldstrafe zu belegen, wenn sie sich an die Öffentlichkeit trauen, wie soll denn ihr Leben aussehen, wenn sie nur noch die Wahl haben, zu laufen oder zu Hause zu bleiben? Auto fahren werden sie ja auch nicht mehr dürfen….

Keine Arztbehandlung, kein Aufsuchen von Behörden, also auf die Dauer Illegalität – denkt mal irgendjemand darüber nach???

Was mich krank macht: das allgemein beifällige Nicken ob solcher Diskriminierungen.

Übler noch: diese Haltung wird durch einige muslimische Länder salonfähig gemacht. Dort wird gegen den Willen der Frauen ähnliches durchgesetzt. Wie weit dort die Machthaber damit Liebdienerei gegenüber den westlichen Ländern betreiben, wie weit sie es tun, um eine weitere Handhabe gegen die eigene islamische Opposition zu kreieren, lässt sich meist nicht unterscheiden. Der Beifall des Westens ist ihnen aber gewiss.

Wäre ich noch in Europa, würde ich vermutlich ab heute einen Schleier tragen.

Beendet die Blockade Gazas!

Auf seinem blog bei medico international schreibt Tsafrir Cohen über den Aufruf von 80 Organisationen, die Blockade Gazas zu beenden.

Er beschreibt einen Teil der Folgen der Belagerung:

Angesichts wachsender Arbeitslosigkeit und Armutsraten steht die Gazaer Wirtschaft kurz vor dem Zusammenbruch, sagen die Organisationen. Dies wird lang anhaltende negative Auswirkungen auf das körperliche und seelische Wohlbefinden der Menschen haben. Auch die Umweltschäden wachsen. Das gilt für die Wasserqualität, für das Abwassersystem und für die Müllentsorgung – etwa von medizinischen Abfällen.

Der Mangel an Baumaterialien als Folge der Blockade beeinträchtigt auch notwendige Gesundheitsdienste: Der neue Flügel des Gazaer Zentralkrankenhauses Al-Shifa‘ bleibt unvollendet seit 2006. Krankenhäuser und Basisgesundheitskliniken, die während der Angriffe beschädigt wurden, können noch immer nicht wiederaufgebaut werden, weil die hierfür notwendigen Materialien nicht eingeführt werden dürfen. Während der Operation „Gegossenes Blei“ wurden 15 der 27 Krankenhäuser und 43 der 110 Tageskliniken im Gazastreifen beschädigt oder zerstört.

Während Medikamente und andere medizinischen Güter in der Regel in den Gazastreifen eingeführt werden können, müssen Röntgengeräte oder elektronische Medizingeräte und Ersatzteile häufig draußen bleiben. Medizingeräte sind daher oft außer Betrieb oder veraltet.

Das Gesundheitspersonal ist seit Jahren von der Außenwelt isoliert. Schon seit dem Jahr 2000 – also lange vor der Machtübernahme der Hamas – konnten nur wenige Ärzte, Krankenschwestern oder Laboranten den Gazastreifen verlassen, um sich weiterzubilden. Das vermindert ihre Fähigkeit, gute Gesundheitsdienste anzubieten.

Viele spezialisierte Dienste, etwa komplexe Herzoperationen oder Krebsbehandlungen

können nicht vor Ort vollzogen werden. Deshalb müssen Patienten in Krankenhäuser außerhalb des Gazastreifens überwiesen werden. Doch vielen Patienten wird die Ausreise verweigert, oder diese wird verspätet genehmigt. Etliche Patienten sind als Folge dieser Politik gestorben (Siehe dazu auch Blog vom 22.09.2008: „Wenn Gesundheit als Geisel genommen wird. Wie der israelische Inlandsgeheimdienst -Shin Bet – palästinensische Patienten aus Gaza vernimmt und erpresst“ – ein Bericht des medico-Partners Ärzte für Menschenrechte – Israel).Tony Laurance, Leiter der Weltgesundheitsorganisation in den besetzten Gebieten stellte fest, dass ein effektives Gesundheitssystem nicht in der Isolation aufrechterhalten werden kann. Offene Grenzen seien notwendig, um die Gesundheit der 1,4 Millionen Gazaer, 750.000 hiervon Kinder, sicherzustellen.

Medico international, zusammen mit den über 80 anderen internationalen Mitgliedsorganisationen der AIDA glauben, dass die israelische Regierung die rechtliche Pflicht hat, den Menschen im Gazastreifen das Recht auf Gesundheit zu garantieren. Die Übergänge müssen wieder geöffnet werden!

Das ist die eine Seite. Die andere sind die Mängel im Erziehungswesen, wo Kinder mangels Schulen und Schulmaterial nur schlecht unterrichtet werden können, was Langzeitfolgen hat.

Weit schlimmer dürften die Langzeitfolgen sein: von Krieg, Angst und Verlust traumatisierte Kinder, die ohne Hoffnung heranwachsen. Wer will das verantworten?

Deutscher Pass? Muss das sein?

Jetzt wird es beim Thema „Doppelte Staatsangehörigkeit – Optionsregelung“ möglicherweise interessant.

Mit der Neufassung des Staatsangehörigkeitsrechts zum 1.1.2000 trat eine Regelung in Kraft, die für hier geborene Kinder von Ausländern unter recht engen Voraussetzungen einen Erwerb der deutschen neben der Staatsangehörigkeit ihrer Eltern vorsieht. Auch für solche Kinder, die zum Zeitpunkt des Inkrafttretens dieser Regelung noch nicht 10 Jahre alt waren, sollte die Möglichkeit des einfachen Erwerbs offen sein. Davon wurde auch Gebrauch gemacht.

Der Haken: das Gesetz sieht vor, dass sich diese Kinder zwischen ihrem 18. und 23. Lebensjahr zur Aufgabe einer ihrer Staatsangehörigkeiten entscheiden müssen – im Gegensatz zu Kindern aus binationalen Partnerschaften, die beide auf Dauer behalten dürfen.

Es gab von vielen Fachleuten und etlichen Politikern genug Kritik an dieser halben Maßnahme, auch gerade, seit die Zahlen bekannt sind, wie viele Menschen unter Hinnahme von Mehrstaatigkeit eingebürgert werden. Das sind allerdings i.d.R. keine Türken, sondern einerseits EU-Bürger, anderseits Angehörige solcher Staaten, die sich nicht ausbürgern lassen KÖNNEN (Iran, Marokko, etc.).

Sprich: diese Regel trifft mal wieder vor allem Türken.

Seit 2008 sind nun die ersten Kinder, die von dieser Regelung Gebrauch gemacht haben, 18 Jahre alt. Die ersten haben also diese Entscheidung zu treffen. Und nun hört man ganz vorsichtige leise Töne, dass vielleicht die Optionsregelung doch nicht so optimal sei, auch aus den Reihen der CDU. Nein, nicht von Frau Böhmer – ihre Vorgängerinnen wären da sofort dabei gewesen, aber sie – nun, das kennt man ja …

Sondern von einem regierenden Bürgermeister, Herrn von Beust:

Im Unterschied zu seinen Parteifreunden forderte nun Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust die doppelte Staatsbürgerschaft als einen wichtigen Beitrag zur Integration. So berichtet heute das Hamburger Abendblatt. Von Beust denkt vor allem an die Menschen, die in Deutschland geboren wurden, deren Familien aber aus der Türkei stammen. Bis spätestens zum Alter von 23 Jahren müssen die jungen Menschen wählen, ob sie den deutschen oder den türkischen Pass haben wollen. “Viele wollen sich aber nicht entscheiden. Da schlagen zwei Seelen in ihrer Brust”, sagte von Beust. “Lassen wir doch beide Herzen schlagen! Wir brauchen die jungen Leute”, ergänzte er.

Hört sich toll an. Kann es sein, dass er einfach bessere Informationen hat?

Tatsächlich entscheiden sich mittlerweile immer mehr Jugendliche für die türkische Staatsbürgerschaft. Mit einem zweiten deutschen Pass, so von Beust, falle die Integration leichter.

Er hat ja recht. Denn: wer von den türkischen Jugendlichen wählt im Zweifelsfalle lieber den türkischen Pass? Genau, diejenigen, die sich sagen, in der Türkei sind wir mit einer deutschen Ausbildung, einem Hochschulabschluss willkommen und nicht Bürger zweiter Klasse. Die aber hätte selbst Herr von Beust lieber in Deutschland. Gerade sie durch den Optionszwang aus dem Land zu treiben, ist gesellschafts- und wirtschaftspolitisch grober Unfug.

Allerdings, ob nur das gnädige Behaltendürfen des deutschen Passes diese Gruppe im Lande halten wird, wage ich zu bezweifeln. Da müsste sich noch mehr ändern.

Jordanien wehrt sich?

Ein jordanischer Staatsanwalt hat eine Anklage gegen zwei israelische Abgeordnete angenommen. Sie werden einer Aktion gegen den jordanischen Staat beschuldigt, weil der eine sich in der Knesset dafür ausgesprochen habe, als Alternative zur Zwei-Staaten-Lösung Jordanien als Staat für alle Palästinenser neben einem Groß-Isreal bis zum Jordan zu propagieren, während der andere die Auffassung vertrat, Jordanien hätte 1948 Israel zugeschlagen werden müssen. 

Nach jordanischem Recht ist eine solche Anklage wohl möglich.

Zumindest einer der Beschuldigten hat nicht vor, von seiner Idee abzurücken:

He said he would continue his efforts to persuade American congressmen and leaders all over the world that Jordan must be the Palestinian state.

„There need to be two states for two peoples,“ Eldad said. „The Palestinians have a state, Jordan, and I will continue my campaign to make sure the world realizes this. The next time the world sees a statemate in the diplomatic process, they must know that this is as a realistic option.“

Da hat er nun wirklich in ein Wespennest gestochen – abgesehen davon, dass das den Jordaniern so gar nicht passen würde, verstehe ich das als Angebot, die West-Bank, Jerusalem und Gaza komplett zu annektieren und alle Palästinenser nach Jordanien auszuweisen. Ich könnte mir vorstellen, dass man von diesem Verfahren noch mehr hören wird.

Deutsche Freiheit

In Deutschland wurden mal wieder Moscheen, Wohnungen muslimischer Prediger und andere Objekte durchsucht. Terrorbefürchtungen? Aber nein, nicht doch. Offizieller Suchanlass: ein indiziertes Buch.

Aber natürlich mal wieder eine tolle Gelegenheit, Rufschädigung zu betreiben, jede Menge Daten einzusammeln und Muslime zu schikanieren. Ich könnt‘ k***.

Es bleibt bei meiner Meinung: das ist kein Land, in dem ein Muslim leben sollte. Allahs Erde ist groß genug.