Weihnachtsbäume am falschen Ort – was haben wir nur dagegen?

Qaradawis Freitagspredigt hat in der nachrichtenarmen Zeit vor Weihnachten doch einiges an Echo, vor allem im Internet, verursacht. Der Zentralrat der Muslime hat inzwischen auch festgestellt, dass tatsächlich Qaradawi NICHT den Christen das Feiern von Weihnachten verbieten wollte – dies ist eine böse Entstellung seiner Rede. Gerade die Tatsache, dass es nicht stimmt, erklärt aber auch, warum in der arabischen Welt niemand etwas zu dem Thema sagte – es gab eher Kopfschütteln.

Leider hat es der Spiegel bis heute nicht für nötig befunden, diesen Fehler klarzustellen, so dass zu befürchten steht, dass der Artikel die nächsten Jahre ständig als Beweis für Qaradawis angebliche Einstellung wird herhalten müssen. Mein blog wird halt nicht so viel gelesen wie der Spiegel – haha – ich danke aber denjenigen, die den Artikel weiter verlinkt haben.

Nun ist aber Qaradawi nicht der einzige, der Weihnachtsbäume am falschen Ort ablehnt. Auch das israelische Oberrabbinat hat sich dagegen ausgesprochen:

Israelische Hotels, Restaurants und Clubs dürfen keine Weihnachtsbäume aufstellen, ihre Gäste nicht mit Weihnachtsmännern erheitern, keine rote Mützen austeilen oder „christliche Symbole“ in ihren öffentlichen Räumen aufstellen. Eine entsprechende „Empfehlung“ hat das Oberrabbinat ausgegeben…

Zusätzlich geht in letzter Zeit eine Rabbinergruppe namens „Lobby für jüdische Werte“ gegen Hotels und Restaurants vor, die gegen diese Regel verstoßen. „Wir planen, die Namen der Einrichtungen zu veröffentlichen, die christliche Symbole aus Anlass der christlichen Feste aufstellen und zu einem Boykott gegen sie aufzurufen“, zitiert die Zeitung Jedijot Achronot jene Lobby.

Auch die Stadtrabbiner von Jerusalem gehen gegen solche „christlichen Symbole“ vor und drohen den Restaurants und Hotels, die Koscher-Urkunden zu nehmen. Fromme Juden meiden Gaststätten ohne eine solche Urkunde, sodass ein Verstoß gegen den Willen der Rabbiner erhebliche wirtschaftliche Auswirkungen haben kann, obgleich die Speisen genauso koscher vorbereitet werden.

Und ich finde es gut, dass es zunehmend wieder mehr Menschen und Institutionen gibt, die den kulturellen Mischmasch einschränken. Denn auch dieses ganze X-mas-Getue (das ja mit der christlichen Weihnacht nur bedingt zu tun hat) ist eine Form des Kolonialismus. Nicht mit Waffen, aber mit zweifelhafter Kultur – die noch dazu am Ende gegen grundlegende religiöse Dogmen verstößt. Und das ist in meinen Augen der Hintergrund für beide angeführten Fälle, denn dieses Dogma teilen Judentum und Islam: das der Einheit, der Einzigartigkeit Gottes, im islamischen das Prinzip des Tawhid.

Die Feier der Geburt dessen, der vom Christentum als „Sohn Gottes“ betrachtet wird, ist für Muslime – und wohl auch für Juden – schlicht blasphemisch. Eine Beteiligung daran, ein Gutheißen, wird von vielen ernsthaften Muslimen als Sünde angesehen – und das gegen eines der höchstrangigen islamischen Rechtsgüter. Da bin auch ich kompromisslos.

Bei Qaradawi war ich von Anfang an überzeugt, dass mit der ihm in den Mund gelegten Aussage etwas nicht stimmen konnte – denn ich habe mich noch vor wenigen Jahren sehr über ihn geärgert, als er es für zulässig hielt, dass Muslime Weihnachtsglückwünsche aussprechen. Das halte ich für verfehlt, weil ich nicht guten Gewissens jemandem gratulieren kann, der etwas tut, das in meiner Religion zu den größten Sünden gehört. Vor ca. einem Jahr hat man mich dafür auch fürchterlich gescholten – aber es gilt noch immer: da stehe ich und kann nicht anders.

5 Antworten

  1. Da bin ich großzügiger.

    Mit dem Wunsch „Frohe Weihnachten!“ drückt man nicht unbedingt ein Dogma aus, oder einen spezifischen Glauben an die Geburt Jesu als Sohn Gottes. Auch Agnostiker können „Frohe Weihnachten!“ wünschen. Oder eben Muslime und Buddhisten.

    Ich wünsche meinen türkischen Freunden gerne „Bayramin kutlu olsun!“ Dazu brauche ich kein Muslim zu sein.

    Etwas, das in meiner Religion Sünde ist, muss nicht in einer anderen Religion und für Gläubige der anderen Religion ebenfalls Sünde sein. Es ist keine Sünde für einen Christen, Schweinefleisch zu essen – auch nicht aus der Sicht der Muslime, hoffentlich. So wenig es aus Sicht eines Christen eine Sünde ist, wenn ein Muslim Mohammed und den Koran über Jesus und das Neue Testament stellt.

  2. […] This post was mentioned on Twitter by CONTRACOMA, Städte SOZIAL planen. Städte SOZIAL planen said: Weihnachtsbäume am falschen Ort – was haben wir nur dagegen? (Alien in Europe): Qaradawis Fre.. http://bit.ly/6EPauZ #stadtentwicklung […]

  3. Da habe ich jetzt, auch im Lichte der ähnlich gelagerten Diskussion bei Fareus, ein wenig drüber nachgedacht, wie ich das am Besten erklären.
    Auf der einen Seite ist für mich da die Frage, wer da wirklich großzügiger ist. Du, weil du „lieb“ bist – oder ich, weil ich für meinen Nachbarn ebenso das Beste wünsche wie für mich – nämlich das Paradies. Dem will ich nicht im Wege stehen, indem ich ihn in dem, was er tut, bestärke. Hinzu kommt der schlechte Einfluss auf Kinder und andere Muslime, wenn ich dies tue, denken sie, dass das ja ok ist. Dafür möchte ich keine Verantwortung übernehmen. (Solche ehemaligen Kinder sind z.B. Fareus und Gibgasachi …).

    Auf der anderen Seite denke ich, dass deine Einstellung eigentlich auch nicht wirklich die grundlegend christliche wiedergibt: ich denke, für die Kirche ist es durchaus eine Sünde, egal von wem, den Koran über die Bibel zu stellen. Das wird zwar heute gerne weichgespült, aber prinzipiell ist es nicht so, wie du es schreibst.

    Ich sitze an einem blogartikel zum Thema – kommt vielleicht heute noch.

  4. Ich bin halt der Sohn meiner tief religiösen (katholischen!) Mutter. Sie spürt, dass alle Menschen, die sich an Gott wenden, sich an denselben Gott wenden, ob der nun Gott oder Allah heißt, in einer, drei oder vielen „Personen“ auftritt, ob er nun über die Bibel oder den Koran oder über gar kein Buch, sondern die Natur zu uns spricht, etc..

    Meine Mutter, ungebildetes Bauernmädchen, kennt die Parabel von den Drei Ringen nicht. Aber sie lebt , was die Parabel lehrt: Ob dein Leben gottgefällig ist, das zeigt sich nicht an Äußerlichkeiten und an dem, was du sagst, das zeigt sich vielmehr daran, ob du anderen Menschen gegenüber anständig und liebevoll handelst.

    Natürlich ist das nicht gerade Die Katholische Lehre. Meine Mutter ist, ohne es zu wissen, eine Ketzerin – was nicht auffällt, weil sie nie über ihre Einstellung spricht und brav katholisch lebt. Man merkt diese Einstellung nur, wenn es im Leben drauf ankommt. Als ob sie Wittgenstein folgen würde: Ethik und Religion kann man letztlich nicht in Worte fassen – sie zeigen sich in dem, was man tut.

    Den Koran über die Bibel zu stellen ist doch das Natürliche und Notwendige, wenn du Muslim bist. Und Muslim darf man vom christlichen Standpunkt aus doch sein, oder? Ja, ich erwarte es als Christ geradezu von dir, wenn du Muslim bist, dass du den Koran über die Bibel stellst. Sonst wärst du ja kein Muslim. Ich sehe gerne, dass du ein gläubiger Mensch bist, und das heißt, da du nun mal aus Damaskus oder Isfahan oder einem Dorf in Anatolien kommst, dass du als Muslim aufgewachsen bist und deshalb Muslim bist und auch sein musst – und eben nicht Christ.

    Das Neugeborene hatte doch keine Chance, sich vor der Geburt die Mutter, die Familie und deren Glauben auszusuchen, oder? – Wie könnte also Gott einem Menschen einen Strick draus drehen, dass er im „falschen“ Glauben aufwächst?

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