Nachlese zum Marwa-Prozeß

Ich muss sagen, dass ich nach Lektüre des SPIEGEL-Artikels nach dem ersten Prozesstag eine sehr schlechte Meinung über den Wahlverteidiger hatte. Offensichtlich hat mich da die Zitierweise des Journalisten irregeführt. Dankeswerterweise hat nun MiGazin Veikko Bartels interviewt. Dort konnte er vieles klarstellen und seine Meinung zu Hintergründen erklären:

MiGAZIN: Sie haben während der Gerichtsverhandlung Folgendes gesagt: “Wir müssen fragen, warum dieser Angeklagte getötet hat. Dazu darf man nicht die Augen vor den gesellschaftlichen Umständen in diesem Land verschließen. Ist der Mandant ein fanatischer Einzeltäter mit Ausländerhass? Vielleicht. Aber da ist auch das Bild des Islam in Politik und Medien.” Diese Aussage von Ihnen wurde in den Medien so dargestellt, als hätten Sie dem Islam die Schuld zugeschoben. Ist das richtig?

Bartel: Nein, in keiner Weise. Dieses Zitat ist völlig aus dem Zusammenhang gerissen worden. Ich denke, dass man in diesem Verfahren die Chance vertan hat, auch danach zu fragen, wie denn eine solch völlig inakzeptable persönliche Meinung, so ein Hass auf Muslime bei einem Menschen entsteht. Ein Mensch wird ja nicht als Hasser eines muslimischen Mitbürgers geboren. Mann muss sich dann schon fragen: Woher kommt das, wie entwickelt sich das, wodurch entwickelt sich das? Eben wieder die Frage nach dem „Warum?“.

MiGAZIN: Und was meinen Sie, entwickelt sich so etwas?

Bartel: Das sind sehr, sehr vielschichtige Ursachen. Sie beginnen in der Familie. Wem zu Hause nicht Achtung vor dem Leben an sich vermittelt wird, wer zu Hause nichts lernt über die Würde eines Menschen, bei dem fallen natürlich extreme Ideen von der angeblichen Minderwertigkeit einer anderen Nationalität /einer Religion/einer politischen Überzeugung auf fruchtbaren Boden. Wer in der Schule als Kind und Jugendlicher nur verwaltet statt unterrichtet wird und Lehrer mehr damit beschäftigt sind, soziale Konflikte und deren Auswirkungen zu mildern, der lernt nichts über Toleranz.

Eine anderer Aspekt ist das nahezu tagtägliche Schüren von Angst vor islamischem Terrorismus in den Medien und die Instrumentalisierung dieser Angst zur Durchsetzung von Einschränkungen bürgerlicher Freiheitsrechte.

Was ist in diesem Land jetzt nicht alles erlaubt – Onlinedurchsuchungen, Vorratsdatenspeicherung, Großer Lauschangriff, biometrische Daten in Ausweisen und dergleichen mehr. Das sind Maßnahmen, die sich die Politik in diesem Land noch nicht einmal zu den Hochzeiten des RAF – Terrorismus in den 70-iger Jahren vorzuschlagen erlaubt hat. Durch dieses Schüren von Angst schafft man natürlich ein öffentliches Bewusstsein. Und es scheint fast so wie im Goethschen Zauberlehrling: „…die Geister, die ich rief, werd ich nun nicht mehr los……“ Nicht ohne Grund sprechen namhafte Soziologen von einem vermehrten Auftreten einer Islamophobie in der deutschen Gesellschaft.

Das macht in meinen Augen seinen Mandanten nicht weniger schuldig, so dass ich mit seinem Fazit am Ende des Artikels nicht übereinstimme. Aber das verkürzte Zitat stellte ihn wirklich in einem sehr schlechten Licht dar – so dass ich hoffe, dass dies hier weiter verbreitet wird.

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Die Schweiz macht weiter

Hatte ich mich nicht gefragt, wohin die durch die Minarettverbotsinitiative entstandene Lage in der Schweiz noch führen könnte? Nun wurde dem islamischen Prediger Abu Hamza (Pierre Vogel) die Einreise verwehrt. Er hatte dort am Samstag mit gegen das Minarettverbot demonstrieren wollen.

Freundlicherweise überließ man es der Presse, ihm das mitzuteilen:

Herr Vogel, Sie dürfen nicht in die Schweiz einreisen…
Pierre Vogel: (schweigt lange). Das glaube ich Ihnen nicht.

Doch, doch, der Bund sah die öffentliche Sicherheit in Gefahr.

Das Interview wurde gestern abend um 23.00 h auf der Website von 20 Minuten online veröffentlicht. Ich gehe davon aus, dass wir davon noch mehr lesen werden.

Nun zähle ich mich aus Gründen des islamischen Lehrverständnisses nicht zu Abu Hamzas Schülerinnen. Ich respektiere jedoch seine Haltung und seine Meinung – und das, was die Schweiz nun dort tut, um sich scharfer Kritik seitens der Betroffenen zu entziehen, ist undemokratisch. Mal sehen, ob sie die Demonstration als Ganzes auch noch verbieten ….