Minarette und andere Schrecknisse…

Seit Sonntag scheint nichts mehr wie zuvor.

Ich war der Meinung gewesen, schon die durch vorherige Umfragen ermittelten 37 %, die der Anti-Minarett-Initiative in der Schweiz zustimmen wollten, seien zu viel. Dass die Befürworter es schaffen würden, wirklich eine Mehrheit bei den abgegebenen Stimmen zu erzielen, hat mich wirklich schockiert.

Schlimmer noch aber finde ich viele Stimmen, auch und gerade aus Deutschland, die das gut und verständlich finden. Selbst ganz vernünftige Leute wollen hier eine Art Gegenseitigkeitsprinzip gelten lassen, nach dem Motto: nur wenn in den islamischen Ländern Kirchen gebaut werden dürfen, soll es hier weitere Moscheen und Minarette geben.

Mit dieser traurigen Aussage setzt sich ein Kommentar im SPIEGEL  dankenswerter Weise auseinander:

Das Problem ist, dass sich in dieser Gedankenkette ein vormodernes und unaufgeklärtes Denken offenbart. Denn hier werden plötzlich „die Muslime“, egal woher sie stammen mögen, egal wie unterschiedlich sie sind, einfach als geschichtliche, religiöse und politische Einheit gefasst, die mutmaßlich in einer Art ewigem Konflikt mit den Nachbarzivilisationen steht. Und die wachsende Zahl der Minarette soll dafür das bildmächtige Symbol sein. „Wir“ gegen „Die“.

Und die Frage, als was sich ein seit Jahrzehnten in der Schweiz lebender Muslim denn noch fühlen könnte außer als Muslim, wird vorsorglich für ihn beantwortet: als nichts.

Noch schlimmer ist aber der allgemeine Jubel der rechtslastigen, PI schäumt vor Freude und setzt einen Artikel nach dem anderen. In der Schweiz denkt man über weitere Initiativen nach: Ausschaffung, aber schnell; keine Burka (gemeint ist sicher jede Art von Gesichtsverschleierung), keine Kopftücher, Einschränkung des Erziehungsrechts der Eltern – die Kette ist endlos.

Diese Entscheidung ist eine Art von Dammbruch. Hier wurde zum ersten Mal in einem westlichen Land ein Grundrecht zur Disposition gestellt. Und ich bin nicht sicher, dass der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte diese Entscheidung kippen wird – sie haben Kopftuchverbote gut geheißen, Kruzifixe abhängen lassen, warum sollten sie die Minarette der Muslime schützen?

Jeder Muslim, der, obwohl er Alternativen hätte, in einem solchen Land, auf einem solchen Kontinent bleibt, sollte sich fragen, ob er das verantworten kann – vor seinen Kindern, aber vor allem vor Allah.

2 Antworten

  1. „Ich war der Meinung gewesen, schon die durch vorherige Umfragen ermittelten 37 %, die der Anti-Minarett-Initiative in der Schweiz zustimmen wollten, seien zu viel. Dass die Befürworter es schaffen würden, wirklich eine Mehrheit bei den abgegebenen Stimmen zu erzielen, hat mich wirklich schockiert.“

    Dachte ich auch – aber ich hatte schon auch die Sorge, dass sich etwas zeigen könnte, was man auch bei anderen Umfragen schon bemerkt hat: Manche genieren sich, bei der Umfrage ihre wahre Haltung zu outen. Im Wahllokal fühlen sie sich sicherer, dass niemand merkt, dass sie für Diskriminierung sind. Sie haben also den Befragern gesagt, sie hätten sich noch nicht entschieden – wussten aber schon, dass sie gegen das Minarett entscheiden werden. Einige werden auch „Linke“ gewesen sein, denen es ziemlich peinlich wäre, wenn rauskäme, wie sie abgestimmt haben.

    Ich frage mich, ob dieses Verhalten eher erfreulich oder eher unerfreulich ist.

    Unerfreulich: Feige Typen! Diskriminieren – ja, aber nur hintenrum, heimlich … Nicht dazu stehen!

    Erfreulich: Diskriminieren ist in weiten Kreisen immer noch Anlass zu schlechtem Gewissen. Hoffentlich bleibt das auch so.

    Dass es so bleibt, daran arbeiten wir.

  2. […] Blog „Alien in Europe“ spricht aus, was die Schweizer mit dem Minarettverbot verbrochen haben: Diese Entscheidung ist eine Art von […]

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