Minrettverbot – aus anderer Sicht

Die ersten Reaktionen in der Presse waren ja eher erfreulich, man war über das Schweizer Votum bestürzt. Als jedoch Volkes Stimme, gerade in Deutschland, hörbar zustimmend wurde, änderten auch etliche Presseorgane peu à peu ihre Richtung und veröffentlichten mehr und mehr verständnisvolle Artikel.

Zwei Stimmen allerdings standen gegen das Minarettverbot, die ich hier verlinken will, weil sie vielleicht auch denen, die aus Bauchgefühl meinen, man müsse den Muslimen doch mal zeigen, wer hier der Herr im Haus ist.

Das eine ist – mal wieder, wie ich sagen muss – Herr Dr. Stefan Kramer, der Geschäftsführer des Zentralrats der Juden in Deutschland:

Kramer fügte hinzu: «Wer Integration statt Assimilation will und es ehrlich meint, der muss ein Klima des gegenseitigen Respekts, der Anerkennung und des Vertrauens schaffen.» Integrationsverträge, Kopftuchverbote und andere «gesetzliche Gängeleien» seien aber «keine geeigneten vertrauensbildenden Maßnahmen, sondern schädlicher populistischer Aktionismus». Während den Muslimen regelmäßig «die angebliche Integrationsunwilligkeit und mangelnde Dialogfähigkeit» unterstellt werde, tue «die Mehrheitsgesellschaft recht wenig», um den Zugewanderten ein Gefühl der Heimat und des Respekts zu vermitteln.

Kramer betonte: «Ein Klima des Vertrauens zu schaffen, gelingt nur, wenn Muslimen ein Recht auf ihre eigene Religion, Kultur und Sprache selbstverständlich zugestanden wird und kulturelle Vielfalt nicht als Bedrohung oder Belastung, sondern endlich als Bereicherung und Vorteil für unsere Gesellschaft und unser Land empfunden wird.» Er mahnte, es gebe in Deutschland zwar keine Volksabstimmung, aber «genügend fremdenfeindliche und extremistische politische Kräfte und Populisten, die durch Wahlen einen Kurswechsel anstreben».

Er fiel mir schon öfter dadurch auf, dass er anti-muslimische Verhaltensweisen kritisiert.

Einen Aspekt, der dieser Haltung sicher auch zugrunde liegt, sprach ein anderer aus. Der frühere israelische Botschafter in der Schweiz, Yitzchak Meir, sieht hinter dem Minarettverbot Fremdenangst, die am Ende auch den Juden gefährlich werden könnte:

Shechitah [Kosher slaughter] is forbidden in Switzerland,” the former ambassador noted. “The fear of strangers is in the end the basic root of anti-Semitism. They must have also feared the Jew who was so different.”

Meir told listeners that this is the first time in recent European history that a vote was held on limiting religious rights. “In this matter, we in Israel can be proud that despite the bitter blood feud we do allow free access to believers of all religions to their holy sites,” he opined.

Meir said that he was convinced that additional European states would now follow Switzerland’s lead. “The decision by the Swiss nation was received with shouts of joy in Europe. In Italy and Denmark the right-wing anti-Muslim parties are happy with the decision but the European Community fears that this step could get out of hand and lead to an emotional confrontation. We as Jews should be concerned [what begins with] the limiting of religious freedom toward Muslims will eventually be turned toward us as well.

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Minarette und andere Schrecknisse…

Seit Sonntag scheint nichts mehr wie zuvor.

Ich war der Meinung gewesen, schon die durch vorherige Umfragen ermittelten 37 %, die der Anti-Minarett-Initiative in der Schweiz zustimmen wollten, seien zu viel. Dass die Befürworter es schaffen würden, wirklich eine Mehrheit bei den abgegebenen Stimmen zu erzielen, hat mich wirklich schockiert.

Schlimmer noch aber finde ich viele Stimmen, auch und gerade aus Deutschland, die das gut und verständlich finden. Selbst ganz vernünftige Leute wollen hier eine Art Gegenseitigkeitsprinzip gelten lassen, nach dem Motto: nur wenn in den islamischen Ländern Kirchen gebaut werden dürfen, soll es hier weitere Moscheen und Minarette geben.

Mit dieser traurigen Aussage setzt sich ein Kommentar im SPIEGEL  dankenswerter Weise auseinander:

Das Problem ist, dass sich in dieser Gedankenkette ein vormodernes und unaufgeklärtes Denken offenbart. Denn hier werden plötzlich „die Muslime“, egal woher sie stammen mögen, egal wie unterschiedlich sie sind, einfach als geschichtliche, religiöse und politische Einheit gefasst, die mutmaßlich in einer Art ewigem Konflikt mit den Nachbarzivilisationen steht. Und die wachsende Zahl der Minarette soll dafür das bildmächtige Symbol sein. „Wir“ gegen „Die“.

Und die Frage, als was sich ein seit Jahrzehnten in der Schweiz lebender Muslim denn noch fühlen könnte außer als Muslim, wird vorsorglich für ihn beantwortet: als nichts.

Noch schlimmer ist aber der allgemeine Jubel der rechtslastigen, PI schäumt vor Freude und setzt einen Artikel nach dem anderen. In der Schweiz denkt man über weitere Initiativen nach: Ausschaffung, aber schnell; keine Burka (gemeint ist sicher jede Art von Gesichtsverschleierung), keine Kopftücher, Einschränkung des Erziehungsrechts der Eltern – die Kette ist endlos.

Diese Entscheidung ist eine Art von Dammbruch. Hier wurde zum ersten Mal in einem westlichen Land ein Grundrecht zur Disposition gestellt. Und ich bin nicht sicher, dass der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte diese Entscheidung kippen wird – sie haben Kopftuchverbote gut geheißen, Kruzifixe abhängen lassen, warum sollten sie die Minarette der Muslime schützen?

Jeder Muslim, der, obwohl er Alternativen hätte, in einem solchen Land, auf einem solchen Kontinent bleibt, sollte sich fragen, ob er das verantworten kann – vor seinen Kindern, aber vor allem vor Allah.