Nicht in ihrem Namen

Und jetzt tue ich etwas, was ich eigentlich nicht wollte: einen Artikel zum Tode Morsal O.s hier einstellen.

Vorab: ich bedauere ihren Tod und es tut mir leid, dass ihr kurzes Leben nicht schöner war. Alle sagen, sie hat es nicht verdient, zu sterben. Stimmt. Aber hat sie es verdient, dass ihr Tod jetzt von vielen Seiten, angefangen bei Ates, Cileli und wie sie alle heißen, gegen muslimische Familien verwendet wird? Wohl kaum.

Denn, sehen wir doch mal genauer hin. Was ist das für eine Familie? Vater verlor durch Trunkenheit den Arbeitsplatz, Bruder stritt mit Vater, weil er auch trinken und in Bordelle gehen wollte. Nicht gerade eine strenggläubige muslimische Familie.

Warum waren sie überhaupt hier? Nun, wenn ich der Presse glauben darf, weil der Vater bis 1992 auf Seiten der afghanischen Armee für das von den Russen eingesetzte Regime gekämpft hat. Sprich: eher ein Kommunist als ein Muslim. Eher ein Vertreter des säkularen Afghanistan denn ein Gläubiger auf dem Wege Muhammeds (saws).

Das, was ich über sein Leben in Deutschland finden konnte, spricht nicht dafür, dass er sich hier zum überzeugten Moscheegänger entwickelt hätte. Somit gehe ich mal davon aus, dass seine Kinder keinerlei islamische Erziehung genossen haben. Auch Ahmet nicht. Der, den jetzt die Presse als verurteilten Mörder, als Unmenschen, als Bestie darstellt, als Muslim, der seine Schwester wegen unislamischen Verhaltens tötete. Nur eine Gutachterin scheint genauer hingeschaut zu haben. Will ich ihn jetzt entschuldigen? Nein. Aber ein paar Anmerkungen sollten erlaubt sein.

Es ist viel darüber diskutiert worden, ob seitens der Behörden mehr für Morsal hätte getan werden können, um diesen Ausgang zu vermeiden. Tatsache ist, ihr Fall war bekannt, sie hatte Zugang zu Hilfen. Aber was war mit ihrem Bruder?

Ahmet kam nach Deutschland, als er schon zehn Jahre alt war. Vom Krieg traumatisiert, vom Vater in dessen Abwesenheit als Hüter der Familie eingesetzt. Er kam in der Schule nicht zurecht, wurde straffällig, gewalttätig. Ein von jahrelangem Krieg traumatisierter Junge, der vor allem als störend, als gewalttätig empfunden und abseits gestellt wurde. Hat irgendwann einmal ein Lehrer darüber nachgedacht, warum dieser Junge so war? Hat es irgendein Angebot für ihn gegeben, der unter den Verhältnissen zu Hause sicher auch gelitten hat? Ich bezweifele es. Bei all den vielen Ideen, die für Mädchen entwickelt werden, wie man sie von ihrer muslimischen Familie wegerziehen kann, werden meist die Jungen völlig übersehen. Hier kommt erschwerend hinzu, dass die Betreuung traumatisierter Flüchtlinge auch ein trauriges Kapitel ist, was ich gerade in diesem Fall erwähnen muss.

Vielleicht hat die Gutachterin dazu etwas gesagt, ich konnte zu diesem Thema leider nichts finden. Wenn er Glück hat, wird es ein Thema in der Revision. Denn, es tut mir leid, bei Mord kann ich dem Gericht nicht folgen. Aber das nur am Rande.

Worum es mir geht, ist, dass dieser Fall Anlass zu Diskussionen über viele Themen sein kann, sein sollte. Nicht aber über Islam und muslimische Familien. Dies hätte jede beliebige Flüchtlingsfamilie sein können, unabhängig der Konfession. Es dient weder Morsals Andenken noch einem anderen akzeptablen Zweck, ihren Tod nun auf der Seite der Islamgegner auszuschlachten.

Eine Antwort

  1. […] Siehe auch den Beitrag bei alien59. […]

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