Volkszählung und Religion

2011 soll nun die nächste Volkszählung abgehalten werden. Wer etwas älter ist, kann sich vielleicht noch an die Diskussionen um die Volkszählungen in den achtziger Jahren erinnern. Aus dem Urteil über die Klage gegen das erste Volkszählungsgesetz leiten noch heute juristen das „Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung“ ab – insofern ein Meilenstein des Datenschutzes.  Das war aber nur möglich, weil sich Bürger mit den Gefahren der Datensammelwut befassten und auch gewillt waren, etwas dagegen zu unternehmen. Heute sehe ich, dass ständig neue Gesetze, die den Menschen zum gläsernen Bürger machen, seine Rechte einschränken, widerstandslos hingenommen werden. Mich gruselts.

Bei der dann stattfindenden Volkszählung gab es die Frage zum Thema Religion. Schon damals riet ich Muslimen, „keine“ anzukreuzen – denn relevant war damals ja in erster Linie die Zugehörigkeit zu einer anerkannten Religionsgemeinschaft. Mir war nämlich nicht wohl dabei, dass man so mit einem Datenklick irgendwann alle Muslime würde heraussuchen können. Das hing für mich mit der deutschen Geschichte zusammen. Ich wollte da lieber vorsichtig sein. Wie wohl damals der ZdJ darauf reagiert hat?

Ich wurde an meine damaligen Gedanken erinnert, als nach 2001 die Rasterfahndungen losgingen….

Diesmal soll die Frage nach der Religion, obwohl von vielen erwünscht, nicht gestellt werden – sehr zu meiner Überraschung. Diese Entscheidung wird nun von PI so empfunden, als wolle man die Anzahl der Muslime verschweigen – das glaube ich nicht. Ich denke, dass diesmal, auch wegen der größeren technischen Möglichkeiten und des insgesamt schlechteren Datenschutzes es für nicht mehr zumutbar gehalten wird.

Unwichtig wäre die Frage jedoch nicht, insofern kann ich PK absolut nicht verstehen. Ich muss Laschet zustimmen, der eine Bezifferung für notwendig hält. Da er sich recht gut auskennt, sind ihm die derzeitigen Zahlen wohl auch viel zu windig. Denn: woher kommt denn diese Zahl von ca. 3 Millionen Muslimen in D? Da macht man es sich ganz einfach: man nimmt aus der Ausländerstatistik alle hier lebenden Ausländer mit der Staatsangehörigkeit eines vorwiegend von Muslimen bewohnten Staates, also Türkei, Syrien, Irak etc. Ich weiß nicht, wie man z.B. Nigerianer oder Inder zählt. Aber es werden viele mitgezählt, die Christen, Aleviten, Ahmadi oder sonstige sind. Damit wären die offiziellen Zahlen zu hoch.

Andererseits aber gibt es keine Zahlen über deutsche Muslime – die finden also in dieser Zählung nicht statt. Ebenso nicht Muslime mit Staatsangehörigkeit eines Staates, der nicht als „muslimisch“ gesehen wird – also Briten, Amerikaner, Franzosen, Südafrikaner…. you name it.

Sprich: niemand, auch die Muslime nicht, weiß eine halbwegs genaue Zahl….

Ein Dilemma. Denn: so wünschenswert für Planung und Verhandlungen eine genaue Zahl wäre, so sehr würde ich diese Frage lieber nicht beantworten wollen.

Ich werde weiter schauen und abwarten, wer sich durchsetzt. Bis 2011 ist ja noch etwas Zeit.

Eine Antwort

  1. […] am Mai 23, 2010 von alien59 Vor mehr als einem Jahr schrieb ich in diesem blog einen Artikel zur geplanten Volkszählung 2011 und der fraglichen Erhebung der Religionszugehörigkeit. Der ist […]

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