Doch eine Lanze für den Papst brechen …

möchte ich an dieser Stelle.

Ich habe in den letzten Tagen interessiert die Diskussion über die neuesten päpstlichen Entscheidungen verfolgt – sprich: die Rücknahme der Exkommunikation der Pius-Bruderschaftsangehörigen und die Ernennung des neuen Weihbischofs von Linz. Nun, ich bin ja bekanntermaßen nicht katholisch, warum interessiert mich das denn? Ich finde die Art der Diskussion bezeichnend für das heute weitverbreitete „Religionsverständnis“ einer offensichtlich breiten Masse (sowohl Kirchenangehörige wie Ausgetretene). Kirche soll sich der Zeit anpassen, den politischen Gegebenheiten folgen, nicht anecken – ja, ich möchte sagen, soll assimiliert sein.

Ich habe eine Weile darüber nachgedacht, was denn der Papst so schreckliches tut. Er hat diesen Bischof Willimson wieder in die Kirche aufgenommen. Hat er damit Stellung genommen zu dessen Holocaustleugnung? Nein, ich denke nicht. Hier ging es um das innerkirchliche Problem, das entstand, als der damalige Bischof Lefébre aus Protest gegen das II. Vatikanische Konzil sozusagen seinen eigenen Verein aufmachte. Dieses Schisma hat der Papst beschlossen, nunmehr zu beenden. Wäre unter den Exkommunizierten ein Mörder gewesen, wäre der auch wieder aufgenommen worden – sprich: es handelt sich um zwei völlig unterschiedliche Sachverhalte. Anders, wenn jemand wegen Holocaustleugnung exkommuniziert worden wäre, und das nun zurückgenommen würde – dem ist aber nicht so. Also hier, sorry, weiß ich nicht recht, was man dem Papst eigentlich vorwirft.

Ganz offensichtlich aber ist auch die grundlegende Entscheidung nicht unumstritten, weil sie – ebenso wie die Ernennung des Linzer Weihbischofs – die Richtung abzeichnen, die dieser Papst der Kirche zu geben wünscht. Die ist vielen zu konservativ, zu altmodisch, nicht dialogfähig genug – was auch immer. Die Kirche könnte ja auf einmal wieder Ansprüche an das Verhalten ihrer Mitglieder stellen, die unbequem wären. Ist das vielleicht aber gerade das Anliegen Ratzingers? Der Kirche abseits vom beliebten „anything goes“ wieder ein Profil zu geben, deutliche Grenzen zu setzen – auf seine Weise zu sagen: hier stehe ich, ich kann nicht anders? Das entsprich so gar nicht dem herrschenden Zeitgeist, wo es höchst inopportun ist, dass eine Autorität festlegt, was geht und was nicht geht – ohne Rücksicht auf gesellschaftliche Strömungen. Nur: ich denke, wenn Kirche überleben will, ist das der einzige Weg. Solange sie sich selbst als ein nettes, unverbindliches Angebot darstellt, ohne klare Konturen, läuft sie Gefahr, durch stetiges Abschmelzen an den Rändern sich selbst aufzulösen.

Soweit meine völlig außenstehende Meinung.

20 Antworten

  1. Das sehe ich genauso. Sowohl was die Aufhebung der Exkommunikation (nicht Rehabilitation!) der Bischöfe der Pius-Bruderschaft angeht, als auch was die Notwendigkeit einer inneren Reform der kath. Kirche bzw. deren Mitglieder betrifft. Wenn nur der „Durchschnittskatholik“ wirklich wüsste, was die kath. Kirche lehrt und wie er dies praktisch zu leben hätte…

  2. Wer sich gegen die Ökumene ausspricht, Moslems und den Propheten beleidigt, Holocaust-Leugner aufnimmt, der hat es nicht verdient, dass man für ihn eine Lanze bricht.

  3. Denk mal nach, Fareus – was verlangt man vom Papst, wie er die Kirche gestalten soll? Und was verlangt man vom Islam? Es läuft auf ähnliche Forderungen hinaus: Religion soll zeitgemäß, angepasst, leicht verdaulich sein.
    Wenn ich nicht damit leben kann, was der Papst über Muslime sagt, warum kann ich dann verlangen, dass er damit lebt, wenn wir sagen: Die Religion bei Allah ist der Islam – sonst nichts.
    Von „Ökumene“ halte ich nichts mehr. Aus dem Dialogzirkus bin ich vor Jahren ausgestiegen. Mir sind klare Abgrenzungen lieber als Wischi-Waschi.

    Aber danke für deinen Kommentar – ich freue mich immer, wenn einer meiner Beiträge doch mal eine Diskussion wert zu sein scheint.

  4. Immer doch, aber du weißt doch, ich habe doch keine Zeit.
    😛

  5. Ich sehe das (größtenteils) so wie alien. Wenn man verlangt, dass man differenziert über den Islam redet, muss man auch dafür eintreten, dass diefferenziert über den Katholizismus redet. Die Exkommunikation hatte nichts mit der Holocaustleugnung zu tun.

  6. Keine Zeit, aha. Es stimmt, so ein blog ist zeitraubend😉 – nein, ich weiß schon, wie du es meinst – wir haben halt nicht soviel Tagesfreizeit wie die Herren und Damen PI-Kommentatoren.

  7. Der Papst hat im Grunde genommen die Aufgabe Zeichen zu setzen, ein Vorbild zu sein. Die Gesinnung Williams und seiner Kumpane war dem Papst -natürlich- geläufig. Diese Herren wieder an den Tisch zu holen ist ebensowenig missverständlich wie die Tatsache, dass dieser Papst samt seiner Vorgänger einen Adolf Hitler oder Eichmann nie exkommuniziert hat. Wenn man post mortem selig-und heiligsprechen kann, wäre dieser Akt als Akt des Anstandes gar nicht so problematisch, wie dieses von Kirchentreuen gerne gedeutet wird.

  8. Ich denke, das liegt am Verständnis dessen, was Exkommunikation bedeutet. Das ist – meines Wissens nach, ich bin nun alles andere als eine Kirchenrechtlerin – eine Kirchenstrafe für einen Glaubensabfall. Sprich: diese kann nicht für sonstige Verbrechen verhängt werden, egal wie schlimm – daher wäre mir nie eingefallen, zu fordern, dass Hitler & Co., soweit katholisch, hätten exkommunziert werden müssen.
    Aus dem gleichen Grund KANN es m.M.n. hier nicht um die Frage gehen, welcher politischen, gesellschaftlichen Gesinnung die Lefèvre-Anhänger sind, sondern nur, ob der Papst der Auffassung ist, dass sie sich der von ihm zu bestimmenden Lehrmeinung in Glaubensfragen wieder genügend angenähert haben.
    Aber genau die irrige Auffassung von Exkommunikation hat m.E. diesen Streit so eskalieren lassen.

    Was die Heiligsprechung seines unseligen Vorgängers angeht, wäre ich entsetzt, wenn er das täte – das ist ein völlig anderes Kapitel.

  9. Exkommunikation als Tatstrafe (excommunicatio latae sententiae)kann m.W. angewendet werden, wenn der Gläubige sich durch einen Akt des Unglaubens sich dermaßen von der Kirche entfernt hat, dass er ihr nicht mehr als zugehörig betrachtet werden kann.
    Eine solche Tatstrafe tritt beispielsweise mit einem Verstoß gegen das 6. Gebot ein
    (Du sollst nicht morden.)
    Wo könnten bei den Katholiken wie Hitler oder SS-Mann Eichmann noch Zweifel bestehen?

  10. Hast du dafür eine Quelle? Ich finde nämlich nur Exkommunikation als Folge von Häresie, Angriff auf die Eucharistie oder den Papst etc.
    Exkommunikation für einen Mörder – wäre mir neu, aber ich lerne gern dazu.

  11. Hier ist das nachzulesen: http://de.wikipedia.org/wiki/Exkommunikation

    siehe unter r.k. Kirche. 1. Punkt

  12. Das habe ich auf Wikipedia gefunden (Auszug leicht gekürzt):
    „Nach römisch-katholischem Kirchenrecht wird unterschieden zwischen der
    * Exkommunikation als Tatstrafe, die mit dem Vergehen eintritt. Durch einen Akt des Unglaubens hat der Gläubige sich soweit von der Kirche entfernt, dass er nicht mehr als ihr zugehörig betrachtet werden kann. Exkommunikation als Tatstrafe erfolgt beispielsweise aufgrund von:
    o Entweihung der Eucharistie,
    o Gewalt gegenüber dem Papst,
    o für den Priester – Erteilung der Absolution gegenüber jemandem, der mit dem Priester zusammen eine Sünde gegen das sechste Gebot begangen hat,
    o einer Bischofsweihe ohne päpstliches Mandat – für beide Parteien,
    o Verletzung des Geheimnisses bei der Papstwahl durch das Hilfspersonal,
    o für die wählenden Kardinäle (Simonie bei der Papstwahl sowie andere Unregelmäßigkeiten bei Konklave): Sich-beeinflussen-Lassen durch die Dritten, Absprachen zwischen den Elektoren,
    o Verletzung des Beichtgeheimnisses,
    o Schwangerschaftsabbruch (für alle aktiv Beteiligten)
    o Apostasie,
    o Häresie,
    o Schisma.

    * Exkommunikation als Beugestrafe, die durch ausdrücklichen Urteilsspruch seitens des Bischofs oder des Papstes erfolgt. Diese erfolgt in dem Falle, dass der zu Exkommunizierende öffentliches Ärgernis erregt.“

  13. PS: Auf Wikipedia sind zu den einzelnen Punkten auch die jeweiligen Canones des kath. Kirchenrechts mit angegeben (habe ich aus Übersichtlichkeitsgründen weggelassen).
    Ein Mörder, also jemand, der eine sog. Totsünde begangen hat, würde ohne echte Reue und Empfang des Bußsakraments nach kath. Lehre ind ie Hölle kommen. Ein Christ, der eine gravierende Sünde begeht (wie z.B. einen Mord; Abtreibung ist übrigens auch Mord) und diese nicht bereut und sich auch nicht bessert bzw. bessern will muss aus der kirchlichen Gemeinschaft natürlich ausgeschlossen (exkommuniziert) werden.

  14. PPS: Huch, da hat sich mein Kommentar mit dem von olyly überschnitten…

  15. Tja- spricht ja mehr für meine Auslegung, wenn da nicht die Erwähnung von Schwangerschaftsabbruch wäre. Alles andere sind kirchliche Vergehen, die ja mit Unglaube zu tun haben, nicht Sünden. Ich glaube, da bräuchte man wirklich einen Kirchenrechtler…
    Aber im Ernst, wenn Katholiken wegen Massenmord exkommuniziert werden könnten, hätte das einer der Päpste sicher bei Hitler oder Eichmann getan, denke ich.

  16. Und meinen Kommentar habe ich vor deinen beiden letzten geschrieben – geht hier grad ein bisschen quer.

  17. Ui, „Todsünde“ schreibt man wohl mit „d“ und wenn wir schon mal dabei sind zählt dazu übrigens auch Ehebruch. Die Sache ist wohl die, dass die kath. Kirche nicht besonders konsequent ist ihre Kirchenmitglieder zu „erziehen“ (und zu dieser Erziehung gehört eben auch die Exkommunikation; denn eine Exkommunikation ist nicht einfach nur eine Strafe, sondern soll den Sünder zur Umnkehr bewegen)

  18. Aber ich habe gerade weitergedacht: Exkommunikation post mortem dürfte es ja ohnehin nicht geben, womit die Nazi-Frage geklärt wäre. Ob der damalige Pius sie hätte exkommunizieren können und sollen, wäre eine andere. Aber wie gesagt, Rechtsfragen mit Wikipedia klären halte ich für schwierig – bin nicht sicher, was da dann wirklich stimmt.

  19. Noch eine Ergänzung zur Exkommunikation:
    Eine Exkommunikation „als Tatstrafe“ erfolgt m.W. automatisch bei einer entsprechenden „Tat“. D.h. in diesem Fall (wie z.B. auch bei der Exkommunikation der Pis-Bischöfe) wird die Exkommunikation nur noch von der kath. Kirche FESTGESTELLT (da sie autom. durch die Tat erfolgte).
    Damit ist z.B. auch ein Katholik, der jemanden ermordet autom. exkommuniziert und kann nur noch durch das Bußsakrament wieder in die volle Gemeinschaft der kath. Kirche aufgenommen werden.
    Soweit mein Verständnis.

  20. Kirchenrecht scheint interessant zu sein – bislang hatte ich noch nicht das Vergnügen.
    Heute las ich zum Thema:
    Allerdings kann Williamson nicht wegen seiner Äußerungen zum Holocaust der Kirche verwiesen werden, denn „das Leugnen historischer Fakten stellt juristisch keinen Grund für eine Exkommunikation dar“, sagt Monica Herghelegiu, Dozentin für katholisches Kirchenrecht an der Universität Tübingen. Zu bestrafen sind dagegen nach dem Kodex des kanonischen Rechts zum Beispiel die Verletzung des Beichtgeheimnisses durch den Beichtvater, der Schwangerschaftsabbruch, jegliche „Straftaten gegen die Religion und die Einheit der Kirche“ – Letzteres ist zum Beispiel der Hebel, um Schismatiker zu exkommunizieren.

    Genau dies geschah 1988 mit Williamson und seinen drei Mitstreitern. Weil sie sich ohne Einverständnis des Papstes zu Bischöfen hatten weihen lassen, machten sie sich zu Spaltern. Sie erkannten sein Vorrecht nicht an. Benedikt XVI. nahm diese Exkommunikation deshalb zurück, weil die Verstoßenen in einem Brief an den Vatikan versicherten, sie glaubten nun doch „fest an den Primat Petri und an seine besondere Stellung“.

    Nur eine Chance zur Exkommunikation

    Juristisch habe der Vatikan damit korrekt gehandelt und sich abgesichert, sagt Kirchenrechtlerin Herghelegiu SPIEGEL ONLINE – allerdings sei das Ergebnis „eine politische Katastrophe“. Benedikt XVI. sei ein „81-jähriger brillanter Dogmatiker aus dem tiefen Bayern“, er sei in festen Denkstrukturen verhaftet.

    Die Expertin sieht nur eine Möglichkeit zur neuerlichen Exkommunikation der Piusbrüder: Den Umstand, dass die Gruppierung das Zweite Vatikanische Konzil nicht anerkennt, in dem sich die katholische Kirche zum Beispiel für Religionsfreiheit ausgesprochen hat.

    http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,605750,00.html

    PS: wenn ich Kommentare erst spät freischalte, liegt das an meiner Arbeitszeit und hat nichts mit den Kommentaren zu tun.

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