Deutsche zweiter Klasse

Vor ein paar Tagen hatte ich hier einen Artikel „Warum will man – nicht – Deutscher werden?“ überschrieben. Einen Aspekt hatte ich dort nicht berücksichtigt, der fiel mir dann gestern ein, als ich in einem Forum über Ausländerrecht las, wie ein eingebürgerter Deutscher mit der Ausländerbehörde über den Familiennachzug seiner Frau streiten muss.

Der junge Mann ist hier geboren, studiert und möchte seine in der Türkei geborene und lebende Frau nachholen. Das richtet sich nach den Bestimmungen des sogenannten Familiennachzugs. Grundprinzip ist, dass jeder Deutsche das Recht hat, seine Ehe auch in Deutschland zu führen (jedenfalls seit 1972, vorher galt das nur für männliche Deutsche), selbst wenn die finanziellen Mittel nicht ausreichen.

Aber halt, jeder Deutsche? Nein, nicht unbedingt. Nicht, wenn man ihm „zumuten“ kann, die Ehe auch im Heimatland des Partners zu führen. Und wann ist das? Nun, da ist das Gesetz recht schweigsam – aber die Behörden unterstellen das nur zu gerne, wenn jemand irgendwann einmal die gleiche Staatsangehörigkeit GEHABT hat. Bei „geborenen“ Deutschen kommen sie selten auf dieses schmale Brett. Somit wird dann der eingebürgerte Deutsche wieder behandelt wie ein Ausländer – denn auch der muss sich auf die Möglichkeit der Eheführung im Heimatland verweisen lassen, wenn sein Einkommen nicht hoch genug ist.

Wie war das mit dem Gleichheitsprinzip doch noch mal?

4 Antworten

  1. Tja, so geht das Märchen von „gleichberechtigter Staatsbürger“ auch zu Ende. Jene Landsleute, denen man ihre orientalische Herkunft auf 100 und mehr Meter ansehen kann und die „Ex“-Landsleute werden wollen, sollte dies eine Warnung sein. Sie werden niemals, zumindest nicht zu Lebzeiten, die gleiche Anerkennung in jeder Hinsicht geniessen, die autochtonen deutschen Staatsbürger zugestanden wird. Es wird immer kleine Hacken, Ösen und Fallstricken geben, die erst in solchen Fällen wie in Aliens Bericht auftauchen.

    Er, der Ex-Landsmann/frau wird mit seinem orientalischen Aussehen und Namen immer Bürger 2. Klasse sein, sowohl gesellschaftlich als auch politisch.

  2. Das gilt sogar noch für ganz andere. Ein Freund, selbst Sohn einer geborenen Deutschen, nannte in den neunzigern seinen Sohn nach dem muslimischen Urgroßvater. Der hieß, was ja in der arabischen Welt nicht ganz selten ist, Usama. Nach 9/11 war mein sehr wohl integrierter Freund völlig entsetzt, wie die Deutschen, deren einer er sich immer gefühlt hatte, sich seinem Kind gegenüber benehmen konnten…. Plötzlich waren sie Ausländer, er, seine Kinder…. was er nie hatte wahrhaben wollen (und auf dem Papier seit der Geburt nicht war).

  3. Ich (kein dt. Pass) wurde nach 11.9 manchmal auch schon ganz anders genannt, zwar nur „Scherzhaft“ und nicht wirklich Böse, im engsten Kollegenkreis, als die Fotos der Attentäter in der BLÖD veröffentlicht wurden: „Guck mal, Ahmet. Der heisst ja auch wie du „Ahmet“!!!“

    Dann folgte die Suche (und auch Fünde) nach übereinstimmenden Merkmalen im Gesicht. Am Ende hatte ich immer etwas von jedem der 18 oder 19 Attentätern an mir.

  4. @Ritterbruder

    Biste ja noch mal gut weggekommen, ein Freund, der früher im Südwesten gewohnt hat und später nach Leipzig gezogen ist, hatte am Hauptbahnhof mehr als nur eine „nette“ Begegnung mit der Staatsmacht. Achja, er ist Iraker und das sieht man ihm auch an.

    Kennt ihr das auch, dass man sich für irgendetwas, was ein „Ausländer“(muss ja nicht mal ein Türke gewesen sein) gemacht hat, rechtfertigen muss? Ich weiger mich zwar jedes mal, aber man erwartet es zumindest. Sippenhaft?

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